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Full text of "Geschictsstörungen und Uterinleiden [electronic resource]"

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UND 

UTERINLEIDEN. 



GESICHTSSTÖRUNGEN 

UND 

UTERINLEIDEN. 



VON 

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PROF. D= A. MOOREN 

IN DÜSSELDORF. 



ZWEITE UMGEARBEITETE AUFLAGE. 



WIESBADEN. 
VERLAG VON J. F. BERGMANN 
1898. 



Alle Hechte vorbehalten. 



Druck Ton Rud. Bechtold & Comp., Wiesbaden. 



VORWORT. 



Die erste Ausgabe dieser Schrift erschien 1881 im 
Ergänzungsheft des Knapp'schen Archivs für Augenheil- 
kunde. Die zweite Auflage ist gänzlich umgearbeitet, 
hier und da durch einzelne Zusätze erweitert. Bot 
mir die Grösse meines ophthalmologischen Materials Ge- 
legenheit, die einschlägigen Beobachtungen zu machen, 
so gewann ich durch einen länger fortgesetzten Aufenthalt 
in der gynäkologischen Klinik meines Freundes des Prof. 
Dr. A. Martin in Berlin die nothwcndige wissenschaft- 
liche Unterlage, die Erscheinungen richtig zu deuten. Ich 
war desshalb vor Allem bemüht, den physiologischen 
Zusammenhang der gegenseitigen Einwirkung nach Kräften 
klar zu stellen. 

In der Anordnung des Stoffes stand mir mein 
Freund Dr. Franz D o r m a n n überall rathend und hel- 
fend zur Seite, wie nicht minder in der Besorgung der 
Correcturen. Ihm sei mein Dank hiermit öffentlich aus- 
gedrückt. 

Düsseldorf, 10. Juni 1898. 



Dr. Ä. Mooren. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2014 



https://archive.org/details/b21635468 



Inhaltsverzeichniss. 



Seite 

I. Die Einwirkung der Geschlechtsreife auf 

den Gesammtorganismus 1—17 

Einfluss der Geschlechtsreife S. 2. — Einfluss 
der Menstruation S. 4. — Goodmann'sche Theorie 
der Wellenbewegung S. 5. — Allgemeine Schäd- 
lichkeitsei invirkung S. G. — Das Geschlechtsleben 
als Ausgang der Schädlichkeitseinwirkung S. 10. 
■ — Cohabitation S. 17. 

II. Der Einfluss der Uterinstörungen auf das 
Entstehen der Augenleiden 18—26 

Statistik S. 19. — Episcleritis und Menstruation 
S. 20. — Menstruationsanomalien S. 22. — Kück- 
wrrkung operativer Eingriffe S. 24. 

III. Das Zurücktreten der Menstruation . . . 27—42 

Pathogenese der Störung S. 30. — Occipital be- 
dingte Einwirkuug S. 31. — Muskelstörungen 
S. 33. — Fehlen der Menstruation S. 35. — 
Chorioiditis disseminata S. 37. — Dysmenorrhoe 
organica -S. 38. — Mydriasis S. 39. — Infantiler 
Uterus S. 40. — Ursachen der Netzhauthyper- 
aesthesia S. 41. — Gesichtsfeldanomalien und 
Apoplexia cap. S. 42. 

IV. Der Einfluss der Parametritis 43—50 

Parametrisch bedingte Störungen S. 44. — Para- 
metritis atrophicans S. 45. — Reflexeinwirkung 
auf den Nervus vagus S. 47. — Zerreissung des 
Perineums S. 49. — Myosis S. 50. 



VIII 

Seite 

V. Die Lageanomalien des Uterus 51—63 

Einriuss der utorinaleii Lagoanomalie S. 52. — 
Die EQemm'schen Experimente S. 57. — Die 
Experimente von Brown-Seguard 8. 58. — Der 
EinflußB der Lymphe 8. 59. — Pathogenese der 
Erscheinungen S. G2. 

VI. Die Hysterie 64—69 

Accommodationskrampf u. muskuläre Asthenopie 
S. 65. — Hysterische Sehstörungen 8. 66. — Die 
Landolt'schen Beobachtungen 8. 68. 

VII. Die Basedow'sche Krankheit 70—76 

Complication mit Verschwärung der Hornhaut 
S, 7i, _ Die Behandlung des Falles S. 72. — 
Ursachen der Erkrankung 8. 74. - Behandlung 
des Morb. Basedowii 8. 75. 

VIII. Die Einwirkung der Schwangerschaft und 

des Wochenbetts 77-87 

Hümeralopie S. 78 — Retinitis albuminurica 
S. 79. — Septische Chorioiditis S. 80. — Schwä- 
chender Einfluss des Säugens S. 82. — Cataract- 
bildung und Schwachsichtigkeit S. 83. — Anämie 
des Gehirns S. 84. — Blutverluste S. 85. 

IX. Das Klimacterium der Frauen 88—93 

Schleichende Chorioiditis S. 89. — Glaucomatöse 
Processe S. 90. 



X. Therapeutische Bemerkungen 



94—106 



I. Die Einwirkung der Geschlechtsreife auf den 
Gesammtorganismus. 



Nach dein tausendstimmigen Urtheil der ganzen 
medicinischen Welt ist der Mittelpunkt der physiologischen 
und pathologischen Vorgänge beim weiblichen Geschlecht 
in den Functionen des Geschlechtsapparates zu suchen. 
Es gibt keinen Arzt, dem der Einfluss des Geschlechts- 
lebens der Frau von der beginnenden Pubertät bis zur 
Climax auf das Centrainervensystem, unbekannt ge- 
blieben sei. Es sind Einwirkungen, die sich einerseits 
in Kopfschmerzen, Anfällen von Schwindel, andererseits 
bald in grosser Eeizbarkeit, Launenhaftigkeit, bald in 
Gleichgültigkeit bis zur Apathie äussern. Das ergriffene 
Nervensystem beeinflusst wiederum die Circulation, die 
Athmung, die Functionen des Intestinaltractus und be- 
günstigt das Auftreten von Dermatosen (Herpes) und 
Liderkrankungen (Hordeolum während der Gravidität). 

Von jeher war es eine instinetive Ueberzeugung 
augenkranker Frauen, dass zwischen ihrem Leiden und 
den physiologischen Vorgängen ihres Geschlechtslebens 
ein inniger Zusammenhang bestehen müsse. Die Patho- 
genese dieser Beziehungen wurde von den Vertretern der 
vurnphtbalmoscopischen Augenheilkunde nicht selten in 
einer derartig abenteuerlichen Weise interpretirt, dass 
man sich nicht zu sehr darüber wundern muss, wenn 
von der neueren Ophthalmologie ein Zusammenhang dieser 

Mooren, Gesiclitsstörungen und Uterinleiden. Zweite Aull, 1 



2 



EinfluBB der (Joselileelitsreife. 



Erscheinungen eine Zeit lang gänzlich in Abrede gestellt 
wurde. Das Bestreben der jungen Wissenschaft, in jeder 
Gesiontsstörung nur eine Localerkrankung sehen und nur 
mit localen Mitteln heilen zu wollen, hat indessen in den 
Kreisen der practischen Aerzte niemals grossen Anklang 
zu finden vermocht. Und mit vollem Recht, denn es ist 
a priori undenkbar, dass die allgemeinen Einwirkungen 
dos Gesammtorganismus auf die Einzelleiden auch nur 
einen Augenblick suspendirt sein sollten. Diese That- 
sache enthält nur eine allgemeine Wahrheit, die auch 
dann noch wahr bleibt, wenn es uns nicht gelingt, überall 
die Fäden des Zusammenhangs nachzuweisen. 

In der nachfolgenden Darlegung will ich den Ein- 
fluss der physiologischen und pathologischen Vorgänge 
im Geschlechtsleben der Frau auf das Auge nachweisen. 
Ich stütze mich dabei auf eigene Beobachtungen und 
nur, wo diese nicht ausreichen, werde ich solche anderer 
Fachgenossen anziehen. 

Beginnen wir mit dem Eintritt der Geschlechtsreife, 
die naturgemäss einen revoltirenden Einfluss auf den 
ganzen Organismus der Frau haben muss. Leider können 
die Erfahrungen über den Einfluss dieser so wichtigen 
Episode im Frauenleben für den Augenarzt nicht so 
reiche sein; es wird und muss aber dieser Einfluss den- 
selben Character haben, wie die Amennorrhoe und Dys- 
mennorrhoe, worüber wir später Genaueres erfahren 
werden. 

Nur einen Fall will ich hier anführen, in dem 
ein junges 14 jähriges Mädchen, mit exquisiter doppel- 
seitiger Keratitis pannosa behaftet, trotz aller scharf 
ausgesprochenen Molimina menstrualia nicht zur Men- 
struation gelangen konnte und dabei alle vier Wochen 
von derartig heftigen Entzündungen befallen wurde, dass 
die ganze Behandlung ein ganzes Jahr hindurch rein 



Kinlluss der Menstruation. 



:; 



illusorisch blieb. Erst mit dem Eintritt der Mensea 
änderte sich die Scene, über die Hornhaut des reckten 
Auges war derartig- transaudirt gewesen, dass sie noch 
Jahre nachher lange einen äusserst unregelmässigen, wenn- 
gleich durchsichtigen Kegel bildete. 

Hinsichtlich der Menstruation, beziehentlich 
ihrer aus den verschiedensten Uterinleiden resultirenden 
Anomalien, muss die Möglichkeit einer Schädlichkeitsein- 
wirkung auf jeden nur denkbaren Theil des Auges und 
zwar auf Grund einer unendlich grossen Zahl von Be- 
obachtungen hin unbedingt zugegeben werden. 

Die Exacerbation einer chronischen Conjunctivitis 
oder Blepharitis angularis zur Zeit der Menses ist eine 
Alltagserscheinung. Hirschberg konnte Jahre hin- 
durch eine Patientin beobachten, die constant zur Zeit 
der Menstruation wegen einer gleichzeitigen Leberstörung 
an Gallenstörung litt und desshalb alle Gegenstände in 
gelblicher Färbung sah. 

Die Frau eines Arbeiters, die ich vor ca. 26 Jahren 
vom Staar extrahirte, wies regelmässig bei vollkommen 
normaler Operation, vor Eintritt der regelrecht verlaufenen 
Menses ein Hyphaema der vorderen Kammer auf, das 
sich sechsmal nach einander wiederholte und stets bis an 
den unteren Pupillenrand reichte. 

Es ist überhaupt keine Seltenheit, eine Staarpatientin 
zu sehen, bei welcher der Eintritt der Menstruation selbst 
bis 14 Tage nach der Operation von einem vermehrten 
Reizzustand des bis dahin reizlosen Auges, oft sogar von 
leichten iritischen Erscheinungen gefolgt ist. Ausdrücklich 
sei bemerkt, dass solche Erscheinungen sich bei voll- 
kommen regelrechter Menstruation constatiren lassen, weil 
damit eben nichts anderes bewiesen werden soll, als dass 
alle circulatorischen Störungen im Organismus die Ge- 
neigtheit haben, die frische Operationswunde des Auges 

l* 



4 



Kinfluss der Menstruation. 



als den Ort der verminderten Widerstandsfähigkeit zum 
Ausgangspunkt eines gesteigerten Reizzustandes, selbst 
einer frischen Entzündung zu machen. 

Zeigt sich der Einfluss einer Menstruation auf das 
gesunde Auge in einer so intensiven Weise bei einem 
sonst gesunden Individuum, so ergiebt sich fast mit 
Notwendigkeit eine Steigerung dieser Einwirkung, wenn 
es sich um ein krankes, in seiner Widerstandsfähigkeit 
herabgesetztes Auge handelt. 

Vor einigen Jahren suchte eine junge Dame aus 
Thüringen meine Hülfe wegen einer doppelseitigen inter- 
stitiellen Keratitis. Das Leiden nahm zur Zeit des Ein- 
tritts der Periode solche Dimensionen an, dass die Augen 
vor Schmerzen und Lichtscheu Tage lang geschlossen 
blieben. In der zwischenfreien Zeit bestand insofern 
ein halberträglicher Zustand, als es möglich war, die 
Lider gegen Abend auf eine halbe Stunde zu öffnen. 
Seit frühester Kindheit war Patientin nicht ohne ärztliche 
Hülfe geblieben. Vor Eintritt der Pubertät waren die 
Entzündungserscheinungen oft Wochen lang ausgeblieben, 
aber anstatt mit dem Eintritt dieser physiologischen 
Revolution eine Wendung zum Bessern zu nehmen, be- 
gann da erst ein nie endender Entzündungszustand. 
Meine Diagnose musste nach Zusammenfassen aller anam- 
nestischen Momente auf eine entweder vom Vater oder 
durch die Impfung übertragene Form larvirter Syphilis 
gestellt werden. Trotz der ausgesprochenen Blutarmuth 
der Patientin, des schiefergrauen Aussehens ihrer Haut 
und der dürftigen, wenngleich regelmässig auftretenden 
Menstruation wurde keinen Augenblick mit der An- 
wendung einer systematischen Inunctionskur gezögert. 
Die innere Medication bestand neben einer kräftigen 
Diät in der continuirlichen Darreichung von Ferrum citr., 
aber mit der Modifikation, dass jedesmal vor Eintritt der 



Goodniau'sclio Theorie der Wellenbewegung. 



5 



M'öüstruation das Elixir propr. Paracelsi zweimal täglich 
Ys Theelöffel voll eingeschoben wurde. Die locale Be- 
handlung der Augen beschränkte sich auf die Anwendung 
von Cataplasmen, jeden Abend eine Stunde lang durch- 
geführt. Als unter dem Einfluss dieser Behandlung eine 
jede Gefässbildung auf der Hornhaut erloschen war, 
wurden zur Lichtung der bestehenden Trübungen täglich 
Eserineinträufelungen gemacht. Nach 3 Monaten konnte 
die Heilung als perfect angesehen werden. Zur Nachkur 
wurde den ganzen Winter hindurch, vorübergehende 
kleine Unterbrechungen abgerechnet, ein Esslöffel voll 
Eisenleberthran pro die verordnet. Seit jener Zeit ist 
Patientin von keiner Entzündung mehr befallen worden 
und ebenso wenig hat sich jemals wieder eine monatliche 
Exacerbation ihres Leidens eingestellt. 

Alle diese Erscheinungen erklären sich durch die 
Goodman 1 sehe (Louisville) Theorie der Wellenbeweg- 
ung, deren Richtigkeit auf Veranlassung von H e g a r durch 
K e i n dl nachgeprüft und als vollständig richtig befunden 
wurde. Dieser Theorie zufolge verlaufen die Lebens- 
processe beim Weibe innerhalb gewisser Zeiträume, 
deren relative Dauer von der einen Menstrualperiode zur 
andern reicht. Denkt man sich auf der Höhe dieser 
Erscheinungen den Wellenberg, so verhalten sich die 
Ascendenz und Descendenz der Welle wie Ebbe und 
Fluth zu einander. Die ascendirende Welle ist mit einer 
Yermehrung, die descendirende mit einer Verminderung 
aller Lebensprocesse hinsichtlich der Wärmeproduction, 
des Blutdrucks und der Harnstoffausscheidung verbunden. 

Die Menstruation selbst sieht B, e i n d 1 als das End- 
resultat der periodisch auftretenden Störungen im Be- 
reiche des ganzen Gefässsystems an, „die auf einer perio- 
disch auftretenden, gradatim sich steigernden Contraction 
der mit Eintritt der Pubertät stärker werdenden Gcfäss- 



6 



Allgemeine SchildlichkeitBein Wirkung. 



muHculutur basiren. Die dynamische Ursache dieser 
periodischen Thätigkeit der Vasoconstrictoren, die eine 
Uobcrfüllung der kleinen Capillaren und kleinen Venen 
mit Blut zur Folge hat, schreibt Gnodma n den nervösen 
Centron der Gefässwände zu." 

Die Behinderung im Abfluss des venösen Blutes 
führe zu einer Hypertrophie, Hyperplasie der Gewebe, 
Verfettung und Ruptur der Capillarrinde. 

Eine analoge Thätigkeit der Vasoconstrictoren wurde 
von Hei'ing für die Gehirnarterien nachgewiesen. 

Diese rein physiologischen Vorgänge können nach 
zwei Seiten hin zu einem Schädlichkeitsfactor für den 
weiblichen Organismus werden. In unmittelbarem Sinne 
durch ihre Einwirkung auf die longitudinalen Fasern des 
Musculus eiliaris, die durch Congestiveinflüsse zu einer 
vermehrten Anspannung angeregt werden und damit die 
Bildung von Kurzsichtigkeit einleiten oder sogar hervor- 
rufen. Wiederholt habe ich Fälle von Dysmenorrhoea 
organica gesehen, bei denen ein vorher normalsichtiges 
Auge plötzlich und bleibend kurzsichtig wurde. In mittel- 
barer Weise vollzieht sich der Schädlichkeitsfactor durch 
die Vermittelung des Gehirns, indem eine bestehende 
Kurzsichtigkeit gesteigert oder der Grund zu dem Auf- 
treten von Schwachsichtigkeit gelegt wird. Es handelt 
sich in diesen Fällen um eine Störung, die nicht besser 
als mit dem Ausdruck einer Ermüdung des Gehirns be- 
zeichnet werden kann. Ohne behaupten zu wollen, dass 
die Symptome dieses Leidens eine speeifische Eigentüm- 
lichkeit des weiblichen Geschlechtes seien, steht es doch 
fest, dass sie nur zu häufig bei jungen Schülerinen in 
Folge übertriebener geistiger Anstrengung angetroffen 
werden. Es gibt kein Land der Welt, in welchem 
bereits menstruirte junge Mädchen ein so ungewöhnlich 
zahlreiches Contingent der Elementarschule bilden, als 



Allgemeine SohUdliohkeitseinwirkung. 



7 



in Deutschland. Die Ueberbürdung dos Geistes mit 
Arbeitsstoffen, die an und für sich schon so nachtheilig 
ist, wird geradezu verderblich, wenn sie in die Periode 
der sexuellen Entwicklung fällt. Man vergisst leider 
nur zu oft, dass, um eine genügende Ausdauer im Sehen 
zu ermöglichen, nicht bloss ein intacter Zustand der 
Augen, sondern ebenso sehr des Gehirns erforderlich ist. 
Es ist mir ausserordentlich häufig vorgekommen, jungen 
Mädchen zu begegnen, die ohne Veränderungen des Augen- 
hintergrundes bei einer annähernd normalen Sehschärfe 
über Beschwerden klagten, die von den Eltern und 
Lehrern als übertrieben angesehen oder vom Hausarzte 
höchstens als Asthenopia accomodativa gedeutet wurden. 
Die verordnete Convexbrille und die gegen die rasche 
Ermüdung des Gesichtes verschriebenen Eserin- oder 
Physostigmin-Einträufelungen hatten nicht vermocht, den 
Patientinen die dauernde Linderung zu verschaffen; V 2 bis 
3 /4 Stunde lang wurde die Beschäftigung möglich, dann 
trat wieder dasselbe Ermüdungsgefühl ein, das bereits 
Wochen und Monate lang den Grund zu Klagen gegeben 
hatte. Wurde nun gegen diese Ermüdung eine 2- bis 
)3 wöchentliche Atropinkur in der Voraussetzung eines 
intercurrent aufgetretenen Accommodationskrampfes ein- 
geleitet, so verspürten die Patientinen in der ersten Zeit 
ein Behagen, das sie seit lange nicht gekannt hatten, 
um aber bald wieder in den alten Zustand zu verfallen. 
Stellt man eine Untersuchung der Sehschärfe unter ganz 
besonders günstigen Beleuchtungsverhältnissen an, so ist 
oft kaum eine Abnormität zu constatiren, während bei 
reducirter Beleuchtung die Sehschärfe bis auf 2 /3i selbst 
der normalen heruntergeht. Eine Anomalie des Seh- 
feldes ist kaum jemals, selbst bei schwachem Lampen- 
lichte, nachweisbar. Bei längerer Dauer des Leidens 
sieht man zuweilen eine leichte Hyperämie der Opticus- 



s 



Allgemeine Seliiidliolikeitsein Wirkung. 



Insertion sich entwickeln, die aber so wenig einen aus- 
gesprochenen pathologischen Character hat, dass sie immer - 
hin hoch in den Grenzen normaler Schwankungen liegt. 
Subjectiv verspüren die Patientinnen eine gewisse Ein- 
genommenheit des Kopfes, besonders der Stirngegend; 
im gewöhnlichen ganz erträglich, steigern sich diese Be- 
schwerden, sobald der Versuch einer längeren geistigen 
Beschäftigung, selbst ohne Anstrengung der Accomodation, 
gemacht wurde. Das sich einstellende Unbehagen kann 
unter Umständen bis zur Brechneigung mit ziehenden 
Schmerzen im Hinterkopfe anwachsen. In dem Maasse, 
wie diese Beschwerden lange bestehen und zunehmen, 
in demselben Umfange wild es den jugendlichen Patien- 
tinen schwer, des Abends den Schlaf zu finden, eine 
nie aufhörende Fluth von Vorstellungen drängt sich an 
sie heran, um ihnen das Erquickende des Schlafes zu 
nehmen und sie des Morgens mit dem Gefühle der Zer- 
schlagenheit aufwachen zu lassen. Zuweilen bemächtigt 
sich ihrer nach Tisch zur Zeit der Verdauungsvorgänge, 
eine fast unbezwingliche Schlafsucht, und wo dieser nach- 
gegeben wird, stellt sich beim Erwachen regelmässig eine 
dumpfe Eingenommenheit des Kopfes ein, und ein Gefühl 
von Schwere lagert in allen Gliedern. Werden unter 
solchen Umständen die geistigen Anstrengungen fort- 
gesetzt, fallen in diese Periode noch menstruelle Be- 
schwerden, so zeigt sich fast immer eine leichte Ab- 
nahme des Gedächtnisses, und es ist nichts Seltenes, 
Kinder in einem mehr oder minder apathischen Zustande 
zu finden, die sich früher durch Leichtigkeit der Auf- 
fassung auszeichneten. In noch höherem Grade des 
Leidens ist das Gefühl von Steifigkeit im Genick und 
Schwäche im Kücken, zuweilen mit Schmerzen vorhanden. 
Sind die Kinder häufig der Einwirkung grosser Sonnen- 
hitze ausgesetzt oder genöthigt, sich in dumpfen, schwülen 



Allgemeine Sohädliohkeitseinwirkung. 



1) 



Räumen aufzuhalten, die noch obendrein durch viele Gas- 
flammen hell erleuchtet werden, so vereinigen sich alle 
Bedingungen, um den Grund zu einer sehleichenden 
Meningealhyperämie zu legen. Solange die Hyperämie 
mehr einen activen Character hat, prävaliren die Keiz- 
erseheinungen, Kopfweh und Aufregung, dann treten 
umfangreichere circulatorische Störungen auf, die venösen 
Gefässe sind nicht mehr fähig, eine Regulirung des 
Blutabflusses zu bewirken, und so werden dann Sclrwere 
und Eingenommenheit des Kopfes, geistige Unlust, 
Apathie und selbst Brechneigung die hervorstehenden 
Symptome. 

H. Cohn macht zu dieser Schilderung irgendwo, 
ich weiss nicht mehr bei welcher Gelegenheit, die Be- 
merkung, er wundere sich, dass der Autor dieser exacten 
Schilderung solche Zustände nicht auf onanistische Ein- 
wirkung zurückführe. Ohne leugnen zu wollen, dass sie 
aus einem derartigen Laster resultiren können, will ich 
nur bemerken, dass ich einen derartigen Zusammenhang 
bisheran nicht beobachtet hatte. Ich halte es für ungemein 
schwierig, hinter die "Wahrheit zu kommen, wenn auch 
beim Arzt die moralische Ueberzeugung besteht, dass ein 
solcher Zusammenhang vorliegt, es sei denn, dass die 
Patientinen selbst in ihrer Herzensangst freiwillig ein 
solches Geständniss ablegen. 

Man muss diese pathogenetische Entwickelung der 
Dinge genau festhalten, um es begreiflich zu finden, 
dass so viele Erauen an Sehstörungen leiden, deren 
letzter Grund in einer schleichenden Meningealhyperämie 
liegt. Es ist keine Seltenheit, Frauen zu finden, die in 
späteren Jahren einer successiven Erblindung an Atro- 
ph i a n e r v i optici entgegengehen, ohne dass jemals 
eine acute Störung Seitens des Sehnerven selbst vor- 
gelegen hätte. Damit stimmen die statistischen Zahlen, 



10 



Dns GeSOhleobtsleben nls Ausgang 



welche Lang aus dem H i r s c h b e t g'schen Beobach- 
tungsmaterial zusammengetragen hat, damit stimmen jene 
Beobachtungen von Rokitansky, auf die schon früher 
von Förster hingewiesei] wurde und wonach unter dem 
Einflüsse wiederholter Hyperämien im Gehirn und Rücken- 
mark die Bildung eines jungen gallertartigen Binde- 
gewebes zu Stande komme, das sich mit der Zeit zer- 
fasere, sich contrahire, das Nervenmark auseinander 
dränge und schliesslich nach Zertrümmerung des Nerven- 
markes zu einer Schwielenbildung führe. Rokitansky 
wies diese Frocesso in verschiedenen Theilen des Nerven- 
systems nach, so im Nervus olfactorius, opticus, an den 
Spinalnerven und im Lendenmark. 

Ohne den verderblichen Einfluss schleichender 
Hyperämien der Meningen oder des Cerebrum selbst auf 
das Zustandekommen von Atrophirungsprocessen des Seh- 
nerven beim männlichen Geschlechte auch nur unter- 
schätzen zu wollen, kann man doch behaupten, dass 
gerade das weibliche Geschlecht zu dieser Störung ganz 
besonders disponirt, weil ausser seiner geringeren Wider- 
standsfähigkeit gegen geistige Ueberanstrengung, Auf- 
regung u. s. w. die Menstruation an und für sich, sowohl 
bei ihrem ersten Auftreten wie bei ihrem "Versiegen in 
den climacterischen Jahren, weiterhin alle jene Circu- 
lationsstörungen, die sich aus den mannigfachen Er- 
krankungen des Uterinsystems entwickelten, eine be- 
sonders reiche Quelle für die Entwickelung jener Schäd- 
lichkeitsbedingungen schaffen. 

Fassen wir die ursächlichen Momente zusammen, 
so kann man sagen, Alles was Anlass zu Entzündungen 
in irgend einem Theile des Genitaltractus gibt, Alles was 
die Distentions- oder Lageverhältnisse derselben zu alte- 
riren vermag, ist fähig, Hyperästhesie der Retina zu 
erzeugen, und damit folgt von selbst mit logischer Conse- 



der Schädlichkeitseinwirkung. 



11 



quenz, dasa einer jeden Hyperaesthesia retinae jedesmal 
ein anderes Cansalverhältniss zu Grunde liegen kann. 
Die Reflexerregung ruft zuweilen spastische Mitbewegung 
im Bereiche des Nerv, facialis, unter anderen Umständen 
ein- oder doppelseitige, mehr oder minder ausgesprochene 
Parese des Levator palpebrae hervor, und wie diese 
Compücationen in den mannigfachsten Formen auftreten, 
so ist auch die Dauer derselben den allergrössten 
Schwankungen unterworfen, zuweilen schwinden sie in 
wenigen Tagen, ein anderes Mal spotten sie Jahre lang 
aller Therapie. Empfindlichkeit gegen Licht ist selbst- 
verständlich unzertrennlich von der retinalen Erregung, 
die Sehschärfe dabei aber oft kaum nennenswerth ver- 
ändert. Während in den geringeren Graden des Leidens 
das quälendste Symptom die Myodesopsie ist, werden in 
den höheren Graden die Patientinen durch das Auf- 
treten subjectiver Lichterscheinungen und durch Nach- 
bilder in steter Aufregung erhalten. Accommodative 
Beschwerden fehlen niemals, sie wachsen an Intensität, 
wenn die Hyperästhesie sich mit Schwachsichtigkeit zu 
compliciren beginnt. Die concentrische Einengung des 
Gesichtsfeldes ist bei längerer Dauer des Leidens fast 
immer ein constantes Symptom, auch da, wo die Schwach- 
sichtigkeit nur wenig hervortritt. In der bei weitem 
grössten Zahl der Fälle ist die Beschränkung des Ge- 
sichtsfeldes eine ziemlich gleichmässige für beide Augen. 
Doch kommen sowohl in dieser Beziehung, wie hinsicht- 
lich der Stärke der centralen Sehschärfe die allergrössten 
Schwankungen vor. Einmal prävalirt die Abnahme der 
centralen Sehschärfe, während das Gesichtsfeld entweder 
ganz intact oder doch nur relativ gering eingeengt erscheint. 
In einer anderen Reihe von Fällen ist die centrale Seh- 
schärfe kaum nennenswerth tangirt, während die peri- 
pherische "Wahrnehmungsfähigkeit im höchsten Grade 



12 



Das Gesell leelitslobon als Ausgang 



beeinträchtigt ist. ])unn wiederum zeigen sich weder 
Anomalien der centralen Sehschärfe, noch der peri- 
pherischen Pereeptionsfähigkeil der Netzhaut, Empfind- 
lichkeit für Licht und Mangel an Ausdauer im Sellen 
bilden die einzigen Klagen der Patienten, während viel- 
leicht derselbe Fall in einem späteren Stadium nur noch 
eine geringe Empfindlichkeit für Licht aufweist und sich 
durch verminderte Sehschärfe und umfangreiche Gesichts- 
feldbeschränkung auszeichnet. In einem Weite, einmal 
tritt das Bild der Hyperästhesie, dann das der Anästhesie 
(lorpor retinae) in den Vordergrund. Es ist das Ver- 
dienst von Stephan, darauf hingewiesen zu haben, 
dass es sich unter solchen Verhältnissen nicht um zwei 
differente Krankheitsprocesse handelt, sondern um ein 
und dasselbe Leiden in verschiedenen Stadien seines Auf- 
tretens. Ich konnte diesen Entwickelungsgang bei einem 
jungen Menschen von 17 Jahren verfolgen, der in Eolge 
eines Stiches mit der Stahlfeder in den linken kleinen 
Einger zuerst von der colossalsten Netzhaut-Hyperästhesie 
und später von Tetanus befallen wurde und nur mit ge- 
nauer Noth seinem Untergange entging. Dann traten 
die hyperästhetischen Erscheinungen in den Hintergrund, 
um einer exquisiten Anaesthesia optica Platz zu machen. 
Wochenlang fortgesetzte Cataplasmen auf die geschwollene 
Hand, sowie der intercurrente Gebrauch von lauwarmen 
Vollbädern beseitigten das Allgeraeinleiden völlig und 
durch die Anwendung des Heurteloup und die innere 
Darreichung salinischer Mittel wurde eine gänzliche Her- 
stellung der Gesichtsstörung erzielt. In diesem Ealle wie 
in allen übrigen wird durch das Vorhalten eines intensiv 
kobaltblauen Glases nicht nur ein calmirender Einfluss 
auf die sensible Eetina ausgeübt, sondern auch nicht 
selten eine bedeutende Steigerung der centralen Seh- 
schärfe, zuweilen sogar eine Erweiterung des Gesichts- 



der Schädliohkeüsein Wirkung. 



13 



kreiöes erzielt. Dasselbe Glas indessen bewirkt in den 
späteren Stadien der Torpidität häufig eine Herabsetzung 
der Netzhautfunction sowohl nach der Seite der centralen 
Sehschärfe, wie nach der- Seite der Gesichtsfeldaus- 
dehnung Jim. 

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass unter dem 
Einfluss der retinalen Keflexerregungen früher oder später 
der Grund zu circulatorischen Störungen im Bereich des 
Opticus, der Eetina und selbst auch der Meningen gelegt 
wird. Denn es kann kein blosser Zufall sein, wenn bei 
längerer Dauer des Leidens fast überall eine feine 
Hyperämie der Opticusinsertion constatirt wird und die 
Patienten nicht selten über ein höchst belästigendes Kopf- 
weh klagen. Tür die Dignität des Krankheitsprocesses 
ist es dabei durchaus gleichgültig, ob die Gefässhyperämie 
eine active ist oder wie in einzelnen Fällen von Metror- 
rhagie aus der durch die Grösse des Blutverlustes be- 
dingten paralytischen Erschlaffung der Gefässwandungen 
hervorgeht. In solchen Fällen tritt nicht selten zu den 
allgemeinen Störungen auch noch das Bild der Hemeralopie 
als Ausdruck einer fehlenden Netzhauterregung. 

Es ist aber eine allgemein feststehende Thatsache, 
dass die Erregung eines beliebigen sensiblen Nervs nicht 
bloss rehectorisch auf andere Nerven von gleicher oder 
verschiedener Energie, sondern auch auf die Füllung 
oder Entleerung entfernter Gefässbezirke, die zu dem 
urspiünglich erregten Nerven vielleicht in keinem ana- 
tomischen Zusammenhang stehen, einen derartigen Ein- 
fluss haben kann, dass kein Physiologe im Stande ist, 
die Tragweite der primären Erregung a priori mit Be- 
stimmtheit festzustellen. Kein Theil des gesammten 
Nervensystems, sei er central oder peripherisch gelegen, 
ist von diesem allgemeinen Gesetz ausgeschlossen. Und 
so kommt es denn auch, dass alle Keizungs- und Ent- 



14 



Das Cieschlüchtsleben uls Ausgang 



zündungsvorgänge, wenn sie auch nur die auskleidende 
Schleimhaut des Genitalkanals tangiren, auf die Länge 
der Zeit fähig werden, retinale Hyperästhesie und accom- 
modativo Asthenopie zu erzeugen. Auf das Zustande- 
kommen dieser pathologischen Secundärstörungon, wenn 
ich mich so ausdrücken darf, intliienziren nicht nur die 
Intensität des localen Leidens, sondern auch die indi- 
viduelle Disposition. Im Allgemeinen darf man sagen, 
dass die genitale Aff'ection in demselben Umfange als 
krankheitserregende Potenz auf's Auge wirkt, je mehr 
sie einen durch vorausgegangene Erschöpfungszustände 
bereits empfänglich gewordenen Boden vorfindet. 

Hält man diese physiologischen Thatsachen fest, 
so wird der Einfluss der Masturbation bei Erwachung des 
Geschlechtslebens auf das Auge gleich klar. Eine äusserst 
kräftig aussehende, 24 Jahre alte Frl. N. aus der Provinz 
Luxemburg gestand mir unter vielen Thränen vor vielen 
Jahren, dass sie seit ihrem 15. Lebensjahr der Onanie 
ergeben sei. Die aecommodative Schwachsichtigkeit und 
die Empfindlichkeit gegen jede nur in etwa helle Be- 
leuchtung waren von Jahr zu Jahr in einer für die 
Patientin beunruhigenden Weise gewachsen. Die unge- 
wöhnlich grosse Clitoris bildete den Ausgangspunkt jener 
Reizerscheinungen, die sich bis zur höchsten Höhe dys- 
pnoetischer Beschwerden steigern konnten, so dass ich 
der Unglücklichen rathen musste, die Amputation jenes 
Organes vornehmen zu lassen. — Bei einer südamerika- 
nischen Dame, die nach der Aussage des sie begleitenden 
Arztes seit frühester Jugend die Sclavin ihrer Laster 
gewesen war, bestand eine so colossale Hyperästhesie, 
dass Patientin kaum noch den Glanz eines fremden Auges 
zu ertragen vermochte, daneben war die Accommodation 
so völlig gelähmt, dass Convex 6 zur Beschäftigung für 
die Nähe nothwendig war; zu diesen Störungen trat zu- 



dor Sclüicllichkeitseiii Wirkung. 



15 



weilen eine grosse Empfindlichkeit des Oiliarkörpers und 
früher hatte es der Patientin geschienen, als rückten die 
Objeote weiter ah und würden damit zugleich kleiner. 
Die suhjectiven Beschwerden, welche aus diesen Ver- 
hältnissen resultiren, sind ausserordentlich verschieden; 
zuweilen zeigen sich dyspnoetische Erscheinungen, ein 
anderes Mal sieht man, dass in Folge dieser für den 
Organismus so sehr depotencirenden Einwirkungen sich 
eine steigende Blutarmut!] ausbildet und damit Unfähig- 
keit des anhaltenden Fixirens für die Nähe eintritt, als 
deren anatomisches Substat eine Insufficienz des M. recti 
interni zu constatiren ist. 

Von Acnepusteln, die sich von den äusseren Geni- 
talien auf die Schleimhaut verbreiteten und von dort aus 
Anlass zu den qualvollsten Erscheinungen gaben, sah ich 
ähnliche Gesichtsstörungen, wie die oben erwähnten, ein- 
geleitet. Ich entsinne mich ganz besonders einer zu 
Ende der 30 stehenden unverheirateten Dame, die, tadel- 
los von Sitten, jede Nacht 4- bis 5 mal durch das uner- 
träglichste Jucken aus dem Bette getrieben wurde. Zucker 
war indessen nicht nachzuweisen. Abgesehen von einigen 
Psoriasisflecken am Halse, an den Fingern und Beuge- 
stellen der Arme, die ich als Kesiduen einer in den 
früheren Generationen überstandenen Syphilis deuten 
musste, war das Allgemeinbefinden ziemlich befriedigend. 
Die Verbreitung der Acnepusteln auf die inneren Geni- 
talien hatte dort, im Verein mit dem unaufhörlichen 
Kratzen, eine derartige Entzündung und Schwellung der 
Mucosa hervorgerufen, dass nicht einmal calmirende In- 
jectionen ertragen wurden. Erst die tägliche Einlegung 
von Morphiumsuppositorien und lange Zeit fortgesetzte 
lauwarme Sitz- und Vollbäder beseitigten den Entzündungs- 
reiz so weit, dass die Application leichter Carbollösungen 
ertragen wurde. Dieses Mittel bewirkte im Verein mit 



16 



Das Geschlechtsleben als Ausgang 



der iunorou Darreichung von Solutio arsen. Fowleri eine 
derartige Erleichterung, das» das Leben der Aermsten 
wieder erträglich winde und sie fähig ward, sich Stunden, 
dann Tage lang mit Leetüre zu beschäftigen. 

Identische Störungen beobachtete ich nach reinem 
Pruritus vaginae, einer Krankheit, die man wohl als 
Neurose des Nervus pudendus gedeutet hat und daher a 
priori für fähig halten wird, eine Hyperästhesie der Netz- 
haut zu erzeugen. Eine ähnliche Reflexwirkung beobachtete 
ich zu 3 verschiedenen Malen bei der Anwesenheit von 
Vaginismus. Dieselbe Reihe der uns beschäftigenden 
Reflexerscheinungen sah ich nach jenen papillären Wuche- 
rungen an dem Orificium urethrae, die, so häufig sie 
auch bis jetzt in England beobachtet wurden, auf dem 
Continent doch immer noch zu den grossen Seltenheiten 
gehören. Die colossale Empfindlichkeit dieser Wuche- 
rungen, welche oft nicht einmal die leichte Berührung 
mit einem Sondenknopf gestatten, macht das Leben der 
damit behafteten Frauen zu einem rechten Martyrium 
und ihre Reflexerregbarkeit, sowohl hinsichtlich des Ge- 
sichts wie des Allgemeinbefindens, wächst zu einer so 
ungewöhnlichen pröhe, dass derartige Patientinen sich 
nur vermöge der grössten Selbstbeherrschung in der Ge- 
sellschaft bewegen können. 

Bei besonders empfindlichen Individuen wird schon 
die blosse Introducirung eines Mutterspiegels fähig, 
durch die damit verbundene Dehnung der Yaginalwan- 
dungen eine vorübergehende Ermüdung des Gesichts zu 
erzeugen. 

Die Erscheinungen der Netzhauthyperästhesie in 
irgend einem gegebenen Falle bieten an und für sich 
keinen Anhaltspunkt, um einen Rückschluss auf das sie 
bedingende Grundleiden zu machen. Dieses festzustellen, 
bleibt stets Sache des medicinischen Urtheils. 



G'ohabitation. 



17 



Anhaltspunkte zu einer Erklärung dieser auffallenden 
Zustünde gewähren uns nur die Gesetze der Physiologie. 

Dass auch die Cohabitation allein in der Lage 
ist, Sehstörungen hervorzurufen, mag folgender Fall 
beweisen. Eine junge Dame erkrankte 8 Tage nach 
ihrer Yerheirathung plötzlich unter heftiger Neuralgie und 
Iritis serosa mit Trübung der descemetischen Haut auf bei- 
den Augen. Patientin hatte nach Angabe des jungen Ehe- 
mannes früher an seröser Iritis schon gelitten, wäre 
aber von da ab bis zum Zeitpunkt ihrer Verheirathung 
von jeder Entzündung völlig frei gewesen. Mir scheint 
überhaupt die Anwesenheit von Präcipitaten auf der 
hinteren Hornhaut (Keratitis punctata,), wie wir sie häufig 
bei Iritis serosa beobachten, in der grossen Mehrzahl der 
Fälle auf die directe Genitalreizung (auch Menstruations- 
anomalien) zurückgeführt werden zu müssen. 



Mooren, GesicHsstürungen und Uterinleiden. Zweite Aufl. 



II. Der Einfluss der Uterinstörungen auf das 
Entstehen der Augenleiden. 



Die zur Zeit des Eintrittes der Periode auftretenden 
Störungen des Auges sind, wie die bisherige Darlegung 
ergab, unabhängig von einer Erkrankung des weiblichen 
Genitalsystems, als Theilerscheinungen der Menstruations- 
vorgänge aufzufassen. Wir wenden uns nunmehr den 
Störungen zu, die direct durch den Einfluss der patho- 
logischen Zustände des Uterus oder seiner Adnexe er- 
zeuet werden können. 

Um indessen eine sichere Unterlage zu gewinnen 
und schnell zu einem abschliessenden Urtheil zu ge- 
langen, liess ich beim ersten Erscheinen dieser Abhand- 
lung im Jahre 1881 die klinische Statistik des vorher- 
gehenden Jahres 1880 zu Grunde legen. Sie erstreckt 
sich auf 5507 Patienten, die sich vom 1. Januar bis 
31. December jenes Jahres in meiner Klinik präsentirten, 
darunter befanden sich 2907 männliche und 2600 weib- 
liche Individuen, Erwachsene und Kinder durcheinander 
gerechnet. Alle Einzelerkrankungen, die möglicher 
Weise eine Beziehung zu Uterinleiden hervortreten 
Hessen, sind in dieser Zusammenstellung aufgeführt mit 
gleichzeitiger Angabe der solchen Fällen gegenüber- 
stehenden männlichen Erkrankungen. Diejenigen Fälle, 
die auf Lues basirten oder durch ein Trauma bedingt 
waren, wie nicht minder alle Entzündungsformen der 
kindlichen Augen, wurden von vornherein nicht mit in 
Betracht gezogen. Wenn man will, so handelt es sich 



Statistik. 



19 



in der nachstehenden Uebersicht nur um spontane Er- 
krankungen vom Beginne der Pubertätsentwickclung mit 
genauer Angabe des ein- und doppelseitigen Vorkommens. 





Nomen morbi. 


Männlich 


Weiblich 


No. 






















J. 


Ii. 


I. 


II. 


i 

JL 


TVTn i'MiiQ 1^ n iß rl n wi l 










9 




o 
ti 




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8 


1 
i 


Q 




Q 
Ö 


Q 

O 


1 9 


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4 


profunda 


o 
a 


q 


1 1 
1 1 


Q 

y 


5 


„ punctata c. Iri title sorosa 






0 


l 


g 


Iritis 


1 9 
Ii 




1 ß 
X O 


l 


7 


Irido-chorioidifcis 


10 


9 


12 


22 


8 




Q 
O 


q 


o 

ö 


A 


9 


„ glauconiatosa . 


6 


1 


1 




10 


,j disseminata, areolaris, atro- 












phica 


6 


i 
1 


e 

0 


4 


X X 


IVIVod p<sormi p 




Q 

O 


Q 
ö 


1 o 


12 


Obscuratio corporis vitrei . 


4 




Q 

y 


o 
ö 


13 


Hyperaestliesia retinae . 


1 


A 

4 




10 


14 


Hyperaemia ret. vel. nervi opt. e men- 
struatione irregulari, vel hyperaemia 












meningiali 


1 


5 


5 


31 


i k 

10 


Apoplexia capill. Retinae und Chorioideae 


8 




11 


1 


16 


Solnfcio ve(;iiin.fi 


33 


3 


18 


2 


17 


Amblyopia e. Metrorrhagia 






2 


3 


18 


Neuritis optica el Neuroretinitis . . . 


5 


7 


6 


23 


19 






5 




40 


20 


Insuff. m. recti interni ex anaemia . . 


7 




17 








105 


57 


150 


186 






162 


336 



Demnach stehen 162 männliche 336 weiblichen 
Fällen gegenüber und zwar so, dass auf 105 einseitige 
männliche Erkrankungen 150 weibliche kommen, während 
die Anzahl der doppelseitigen männlichen Erkrankten sich 
auf 57 und die der weiblichen auf 186 beläuft. Diese 
Zahlen repräsentiren in einem Worte 3272% männliche 

2* 



20 



BpisoleritiB und Menstruation. 



und Ü7 weibliohe doppelseitige Sehstürungen, während 
sich die einseitigen nicht ganz wie 2:;> verhalten. Wenn 
wir auch hier nicht in die näheren ätiologischen Details 
treten wellen, so beweisen diese Zahlen doch mit aller 
Evidenz, dass beim weiblichen Geschlecht eine Schädlich- 
koitsursache bestehen muss, die dasselbe dem männlichen 
Geschlecht gegenüber zu solchen Erkrankungen ganz 
besonders disponirt. 

Nach dem bisherigen Stand unseres Wissens haben 
wir diesen Schädlichkeitsfactor in dem Einfluss der 
sexuellen Sphäre auf dem Gesammtorganismus zu suchen. 
Die gelegentliche Verschlimmerung einer chronischen 
Conjunctivitis oder Blepharitis angularis zur Zeit der 
.Menstruation wird wohl von keinem Arzt als Ausdruck 
eines Uterinleidens aufgefasst; ihr Auftreten erklärt sich 
aus der Wellenbewegung des weiblichen Organismus, wie 
wir oben sahen. 

Dagegen kann über die Abhängigkeit der Epi- 
scleritis von dem Zustande des Gefässsytemes nicht ein- 
mal ein Schatten eines Zweifels bestehen, nicht blos, was 
die Erzeugung von Episcleritis an und für sich belangt, 
sondern auch noch ganz besonders hinsichtlich ihrer 
Remissionen und Exacerbationen. 1 ) Es gibt wohl kaum 
eine Episcleritis eines geschlechtsreif en Mädchens, die nicht 
vor oder während der Menstruation eine, wenn auch noch 
so leichte Steigerung erlitte. In einzelnen Fällen be- 
obachtet man um diese Zeit eine starke Irishyperämie, 
zuweilen sogar den Eintritt in Iritis. Es ist eine unge- 
wöhnliche Seltenheit beim weiblichen Geschlecht, das 
Auftreten vor den Jahren der Geschlechtsreife zu sehen : 
ich entsinne mich nur eines einzigen Falles, dessen aller- 



l ) Mooren, Fünf Lustren, S. 125 in Wiesbaden 1882 bei 
Bergmann. 



Episcleritis und Menstruation. 21 

dÜngs regelmässigen Verlauf ich in dem Auge eines 
<) jährigen Mädchens beobachtete. Einmal sah ich die 
Krankheit einseitig bei einem neugeborenen Kind. Früh- 
zeitige Involution oder das Auftreten der fliegenden 
Hitze in und nach den climacterischen Jahren wird eben- 
falls eine Quelle der Iritis. Ich kenne eine ganz gesunde 
und kräftige Dame, bei der mit dem Versiegen der 
Menstruation eine doppelseitige Episcleritis in so inten- 
siver Heftigkeit auftrat, dass die Augen noch nach 
18 Jahren, als ich sie zuletzt sah, eine derartige blau- 
violette Verfärbung darboten, wie ich es bis dahin in keinem 
zweiten Falle gesehen habe. Die furchtbare Gluth, mit 
der das Gesicht der damals 60 jährigen Patientin über- 
gössen wurde, konnte nur durch den continuirlichen Ge- 
brauch des Elixir propr. Paracelsi und durch Umwickelung 
der Füsse mit einem Priessnitz'schen Umschlag beim 
Schlafengehen niedergehalten werden. 

Vom Herbst 1856 bis zur selben Zeit 1881 be- 
obachtete ich 117 Fälle einseitiger und 19 doppelseitiger 
Episcleritis bei Männern, während zur selben Zeit 223 ein- 
seitige und 17 doppelseitige Erkrankungen beim weiblichen 
Geschlecht vorkamen. Von diesen Fällen zeigten 28 eine 
Complication mit interlamellären Hornhauttrübungen, 17 
mit Iritis, 6 mit Irido-Chorioditis im Augenblicke der 
ersten Vorstellung und zwar zu 3 /4 bei Frauen. Ob in 
all' diesen Fällen ein Uterinleiden bestand, lasse ich 
dahingestellt. 

Nur einen Fall habe ich beobachtet, in welchem 
schleichende Metritis mit gleichzeitiger Lageveränderung 
als Ursache der Episcleritis anzusehen ist. Das rechte 
Auge der etwa 45jährigeu Patientin wurde zuerst er- 
griffen, als sie sich der örtlichen Behandlung einer mit 
Ketroflexio einhergehenden Geschwürsbildung unterzogen 
hatte. So oft die Vaginalportion touchirt oder das 



22 



Menstruatioftsanomalien. 



Pessarium frisch eingeschoben war, konnte jedesmal ein 
Nachschub von Episclcritis mit heftiger Irisneuralgie 
COüStatirt werden. Ein Jahr mochte seit dem Ablauf der 
rechtsseitigen Episclcritis vergangen sein, als auf neue 
Uterinbeschwerden hin der episch 'ritische Process auch 
auf dem linken Auge ausbrach, jedesmal mit einer 
Steigerung der Entzündungserscheinungen eingerechnet, 
so oft das Uterinleiden eine eingreifende Behandlung er- 
fahren hatte. 

Wenn schon unter normal-physiologischen Verhält- 
nissen der Einfluss der Menstruation auf das Auge und 
dessen Erkrankung unleugbar ist, so ist derselbe von 
unendlich grösserer Tragweite da, wo pathologische Pro- 
cesse einen besonders günstigen Boden für ihren Einfluss 
abgeben; nicht in dem Sinne, als ob die aus der Men- 
struation resultirenden Circulationsstörungen überall die 
Causa movens für ein vorhandenes Augenleiden bildeten, 
sondern in der Bedeutung eines aggravirenden Momentes 
für eine Augenentzündung, deren Entstehen vielleicht in 
einer Sphäre liegt, welche zur Menstruation als solcher 
nicht die geringsten Beziehungen hat. 

Es ist eine ziemlich allgemein verbreitete Ansicht, 
dass Menstruationsanomalien es besonders lieben, ihre 
schädliche Einwirkung auf's Auge in irgend einem Theile 
des Uvealtractus zur Geltung zu bringen. Ohne die 
Richtigkeit dieser Meinung von vornherein zuzugeben oder 
zu leugnen, unterliegt es doch gar keinem Zweifel, dass 
das Auftreten eines iritischen Processes unendlich häufiger 
beim männlichen als beim weiblichen Geschlechte vor- 
. kommt und zwar desshalb, weil die Iritiden in der Mehr- 
heit der Fälle durch äussere Schädlichkeitseinwirkungen, 
wie Erkältungen und Traumen, hervorgerufen werden. 
Entzündungen der Iris bei Frauen als Ausdruck irgend 



Menstruationsanomnlion. 



23 



einer Menstruationsstörung sind allerdings relativ selten; 
Bie kommen am häufigsten bei blutarmen, durch Ent- 
behrungen heruntergekommenen Individuen vor, wenn die 
menstruale Thätigkeit durch Einwirkung der Kälte auf 
Füsse oder Unterleib plötzlich unterdrückt wird. Grösser 
und intensiver wird der Einfluss der menstrualen Ano- 
malie, wenn in Folge einer vorausgegangenen Iritis oder 
durch Fortwandern eines chorioidealen Entzündungs- 
processes auf die Iris es bereits zu mehr oder minder 
umfangreichen Synechienbildungen gekommen ist. Selbst 
unter solchen Verhältnissen beobachtet man indessen nur 
ausserordentlich selten einen wirklichen Nachschub der 
primären Entzündung, häufiger schon sind kleine Blut- 
austritte in die vordere Kammer zu verzeichnen und, was 
mich ausserordentlich häufig frappirte, mehr oder minder 
umfangreiche temporäre Obscurationen des Gesichtsfeldes 
eben zur Zeit der menstrualen Vorgänge. Eine junge 
Taglöhnersfrau stellt sich 2 Monate nach ihrer Ver- 
heirathung mit Iritis serosa und Keratitis punctata vor, 
nachdem sie ein paar Jahre früher wegen Iridochorioi- 
ditis iridectomirt und bis zum Momente der Heirath voll- 
kommen geheilt schien. Eine 36 jährige Dame, die bei- 
derseits einer Ovariotomie unterworfen war, zeigte dieselbe 
Form der Störung auf beiden Augen. Die Behandlung 
dauerte 1 1 /a Jahre, bis dasselbe als geheilt betrachtet 
sein konnte. Füge ich dazu jene Beobachtungen, die 
ich bereits vor vielen Jahren über die verschiedensten 
Erkrankungsformen der Chorioidea, der Retina und des 
Opticus gemacht und seit jener Zeit immer mehr be- 
stätigt gefunden habe, dann darf ich mit Bestimmtheit, 
den Ausdruck wagen, dass es kein Gebilde des Auges 
gibt, welches den Einwirkungen eines Uterinsystems, 
physiologisch, besonders aber pathologisch genommen, 
unzugänglich bliebe. 



24 



Rückwirkung operativer Eingriffe. 



Wir sahen oben, wie selbst relativ geringe Vaginal- 
erkrankung den Herd einer reflectorischen Einwirkung auf 
das Auge abgibt, eine Einwirkung, die sieb steigert, 
ja erst den Grund zu Erkrankungen des inneren Auges 
legt, wenn der Ausgangspunkt der Reflexe im Uterus 
selbst liegt. 

Die etwa 32 jährige Frau eines mir wehr befreun- 
deten Herrn, welche mich bereits 18 Jahre früher ah 
Mädchen wegen eines centralen Chorioidealexsudats des 
linken Auges consultirt hatte, während das rechte Auge 
bei untadelhafter Sehschärfe eine durch Sclero-Chorioid. 
post bedingte Myopie von aufwies, trat ein paar Jahre 
nach ihrer Yerheirathung in die Behandlung eines be- 
rühmten Gynäkologen, indem eine Reihe stark entwickelter 
Naboth'scher Follikel angefangen hatte, ihr einige 
Beschwerden zu machen. Die kleinen operativen Ein- 
griffe, welche das Leiden erforderte und stets mit jeder 
nur denkbaren Schonung und Umsicht vorgenommen 
waren, erzeugten vor und nach im Y erein mit der Intro- 
ducirung des Mutterspiegels derartig sonderbare Er- 
scheinungen von Schwere im Kreuz und den Beinen und 
schliesslicher Umflorung des Gesichts, dass die Dame 
ihre Avachsende Unruhe und Aufregung dem behandelnden 
Arzte gegenüber nicht mehr zurückzuhalten vermochte. 
Die Klagen wurden indessen stets als unbegründet an- 
gesehen, das Uterinleiden schliesslich als geheilt erklärt 
und Patientin mit der Weisung nach Schlangenbad ent- 
lassen, dort noch Injectionen in die Vagina mit einer 
mässig starken, leicht laulichen Kochsalzlösung zu machen. 
Bereits nach den ersten Einspritzungen traten so auf- 
fallende Symptome auf, dass Patientin ihre Beine kaum 
noch bewegen konnte, von den Oberschenkeln bis zu den 
Füssen hinunter zeigte sich subjectiv und objectiv ein 
eisiges Kältegefühl, während der Oberkörper und ganz 



Rückwirkung operativer Eingriffe. 



25 



besonders der Kopf mit einer unerträglichen Gluth über- 
gössen wurde. Unter der Wirkung dieser auftretenden 
Oirculationsstörung verdunkelte sich das Sehfeld oft für. 
einige Minuten ganz und gar. Als indessen Patientin, 
getreu der ihr gewordenen Weisung, die Injectionen fort- 
setzte, trat zu den früher erwähnten Erscheinungen ein 
Gefühl, als wolle das Herz stille stehen; dann steigerten 
sich wieder die Verdunkelungen des Gesichts, um nach 
einem neuen Gefässsturm zu einer umfangreichen Ab- 
lösung der Netzhaut auf dem rechten Auge zu führen. 

Einige Monate waren nach dem Eintritte dieser 
Katastrophe vergangen, als ich die Dame wieder sah. 
Die Kälte und Schwere der Beine bestand noch immer 
fort, ab und zu stellten sich, und ganz besonders dann, 
wenn eine Thüre unerwartet zugeschlagen wurde, die 
heftigsten Congestionen des Kopfes bis zum Schwindelig- 
werden ein, jedesmal mit dem sonderbaren Gefühl ver- 
bunden, als ob aus der Tiefe des rechten^Ovariums sich 
ein schmerzhaftes Gefühl bis zum Kopfe hinzöge. Die 
völlige Transparenz des Glaskörpers und die Integrität 
der Pupillarbewegungen, welche ich bei der Untersuchung 
des Auges constatirte, würden mich damals schon be- 
stimmt haben, die Punction der Netzhaut vorzunehmen, 
wenn ich es nicht nach sorgsamer Erwägung aller Ver- 
hältnisse für unbedingt nothwendig erachtet hätte, erst 
die vom Ovarialnerven ausgehende Quelle der Befiex- 
vorgänge zu unterbrechen. Therapeutisch wurde desshalb 
der Patientin zuerst Kai. bromat. 4,0, Lupulini 6,5, 
Pulv. rad. Ehei 1,5, Extr. cent. min. q. s. zu 120 Pillen 
verordnet mit der Weisung, davon dreimal täglich 3 Pillen 
zu nehmen. Dabei wurden die Füsse des Abends mit 
einem P r i e s s n i t z'schen Umschlag bedeckt, um durch 
Erwärmung der Füsse das Blut nach den peripherischen 
Theilen des Organismus hinzuziehen. Bei besonders 



26 



Rückwirkung operativer Eingriffe. 



starker Eingenommenheit des Kopfes sollte auch dieser 
noch eine Stunde vor Schlafengehen mit einer Eisblase 
bedeckt werden. [Sechs Wochen hindurch war diese 
Therapie ohne nennenswerthen Erfolg [durchgeführt, als 
eine profuse Uterinblutung auftrat und eine zeitweilige 
Unterbrechung der Behandlung nothwendig machte. Ich 
habe die Patientin seit dieser Zeit nicht mehr gesehen, 
vermag also nicht anzugeben, ob meine Vermuthung, 
dass es sich um eine durch Ovarialreizung bedingte 
Metrorrhagie handele, richtig ist oder nicht. 



III. Das Zurücktreten der Menstruation. 



Die uterinalen Schädlichkeitseinwirkungen, einerlei 
ob sie den Character der Chronicität an sich tragen oder 
ob sie acuter Natur sind, sie üben alle und letztere wohl 
noch in höherem Maasse, ihren schädigenden Einfluss auf 
das Auge aus. Die acuten wirken nicht bloss durch das 
plötzliche Eintreten einer mechanischen Schädlichkeits- 
potenz, sondern auch noch ganz besonders verderblich 
durch das mit ihrem Auftreten verbundene intensive 
Fieber. Wenn ich zu wiederholten Malen beobachten 
konnte, dass eine Pneumonie oder Pleuritis, welche mit 
einer langdauernden Fieberbewegung über 39,5° einher- 
ging, Anlass zu Ketinitis, schleichender Chorioditis, feinen 
Glaskörpertrübungen, selbst zu Netzhautablösungen gab, 
hier wie überall durch Vermittelung der meningealen 
Gefässhyperämie, so ist einleuchtend, dass der schädliche 
Einfluss einer acuten Parametritis noch unendlich grösser 
ausfällt. Abgesehen von dem ungewöhnlich heftigen 
Fieber ist durch die Localisation des parametritischen 
Processes in der nächsten Nachbarschaft der Ovarien eine 
Keizung dieses Centraiherdes der Keflexreizbarkeit un- 
vermeidlich und so ganz besonders Anlass gegeben zu 
grösseren Cireulationsstörungen. 



28 Zurücktreten der Menstruation. 

Ich sah diese Erscheinung in einer damals mich 
ganz ungemein frappirenden Weise zum ersten Male am 
9. Januar 18G4 hei einem jungen kräftigen Bauern - 
mädchen, F. M. aus Kreuzau hei Düren. Patientin hatte 
sich zur Zeit der Katamenien durchnässt. Die augen- 
blickliche Unterdrückung der Periode war von heftigen 
Schmerzen in der rechten Ovarialgegend begleitet; ein 
ungewöhnlich intensives Fieber warf die Patientin auf's 
Bett und hielt sie einige Tage in Delirien. Mit dein 
Nachlassen des Fiebers und der örtlichen Schmerz- 
erscheinung wurde der Kopf freier, aber die Kranke be- 
merkte zu ihrem grossen Schrecken, dass sie auf dem 
rechten Auge gar nichts und auf dem linken nur noch 
Handbewegungen zu erkennen vermochte. In diesem Zu- 
stande wurde sie mir zugeführt. Auf beiden Augen be- 
stand prägnant ausgeprägte Neuro-Retinitis, rechtersoirs 
mit multipler Netzhautablösung complicirt. Die Seli- 
nerveninsertion war auf beiden Augen total verwischt, 
die Netzhautgefässe zeigten sich stellenweise breit, stellen- 
weise ausserordentlich dünn, wie strangulirt. Die Macula 
lutea erschien linkerseits wie ein umschriebener rother 
Punkt auf dem grauen Netzhautgrunde. Nur mit grosser 
Mühe wurde ein Buchstabe von Jäger 20 erkannt, das 
concentrisch eingeengte Gesichtsfeld hatte kaum noch 
einen Durchmesser von 27* Zoll; der Kopf war schwer, 
die Pupillen weit und starr, die Hauptklagen der Patientin 
gingen aber auf Schwere im Kreuz und Schmerzen in 
der rechten Inguinalgegend. Das Gefühl der allgemeinen 
Zerschlagenheit war besonders gross. Ich vermuthete die 
Anwesenheit einer circumscripten Peritonitis, bat jedoch 
bei der ungewöhnlichen Wichtigkeit des Falles einen in 
gynäkologischen Leiden sehr erfahrenen Freund um sein 
Urtheil. Er diagnosti eilte eine rechtsseitige Parametritis 
mit Betheiligung des rechten Ovariums, so dass dem 



Zurücktreten der Menstruation. 



29 



Process wohl der Character einer Ovaritis beigelegt werden 
konnte. In der That zeigte sich bei bimanueller Unter- 
suchung das rechte Ovariurn empfindlich und geschwollen. 
Das ganze Vaginalgewölbe war nach rechts hart und 
prall, so dass die virginale Vaginalportion wie verkürzt 
erschien. Die Medication bestand in der täglichen Ein- 
reibung von Ugt. hydr. ein. in die rechte Ovarialgegend, 
mehrstündliche Bedeckung dieser Gegend mit Cataplasmen, 
einer strengen Bettruhe und dem inneren Gebrauch vou 
Friedrichsthaler Bitterwasser. Am 4. Tage wurden zur 
Erleichterung des Kopfes 2 Blutegel an das Septum 
narium gesetzt, einige Tage später 4 Blutegel an das 
Collum uteri. Der Kopf wurde täglich freier, das Ge- 
sichtsfeld nahm linkerseits an Ausdehnung zu und es 
stellte sich auch eine derartige Besserung des Sehver- 
mögens ein, dass Patientin bereits nach 10 Tagen fähig 
war, meine Finger in 8 Fuss Entfernung zu zählen. 
Sobald die parametritischen Erscheinungen völlig gewichen 
waren, wurde in grösseren Intervallen 2 Mal Heurteloup 
applicirt, so dass Patientin bei ihrer Entlassung nicht 
nur Nr. 4 niessend zu lesen vermochte, sondern auch ein 
Gesichtsfeld von normaler Ausdehnung nachwies. Auf 
dem mit Netzhautablösung befallenen Auge wurde, wie 
auch nicht anders zu erwarten war, nur das erreicht, 
dass die excentrische Wahrnehmungsfähigkeit sich um 
Einiges gehoben hatte. 

Man muss sich von vornherein klar machen, dass 
die plötzliche Sistirung einer für den weiblichen Orga- 
nismus so notwendigen Function wie die Menstruation 
den Uterus naturnothwendig in einen Zustand venöser 
Hyperämie versetzen muss, die ihrerseits wiederum Stau- 
ungen in den nach rückwärts gelegenen Bezirken hervor- 
rufen wird. Einen ähnlichen Einfluss müssen alle die- 
jenigen Processe entfalten, die im Stande sind, die Aus- 



30 



I'utliogenose der Störung. 



scheiilungsverhältnisse zu vermindern oder in rein mecha- 
nischer Weise wie parame tri tische Exsudate, RetroHexion, 
Antefloxion, Descensus, Prolapsus, Tumorbildugn u. s. w. 
die Cireulation in den Beckenorganen zu beeinträchtigen 
vermögen. Nun stellt aber der im oberen Theil des 
Ligamentum latum gelegene, aus den Venen des Ova- 
riums und den Tuben gebildete Plexus pampiniformis, so- 
wie der zu beiden Seiten des Uterus sich hinziehende 
Plexus uterinus in engster Yerbindung mit den Lumbai- 
venen, die ihrerseits wiederum durch den Zusammenhang 
der Yenae spinales mit den weitmaschigen Venennetzen 
des Rückenmarkes und seiner Umhüllungen fähig sind, 
eine Reihe der umfangreichsten Circulationsstörungen in 
diesen Theilcn hervorzurufen. Die einfachste anatomische 
Anordnung der Venenbahnen macht diese Voraussetzung 
zu einer logischen Notwendigkeit. Es ist weiterhin 
anatomisch erwiesen, dass die Venen der Wirbelsäule in 
der Nackengegend besonders stark entwickelt sind und 
dort nach oben mit den tiefen Aesten der Venae occi- 
pitales und durch die Foramina mastoidea mit den Sinus 
transversi in engster Verbindung stehen. Die Ueber- 
füllung dieser zahlreichen Venengeflechte muss naturnoth- 
wendig einen Druck auf alle diejenigen Nervenelemente 
ausüben, welche überhaupt nur im Bereiche dieser circula- 
torischen Störungen gelegen sind. Sie bilden demnach 
das materielle Substrat oder besser gesagt partieipiren in 
hervorragender Weise, wie wir später sehen werden, an 
. der Bildung de3 materiellen Substrats, welches den 
Schmerzempfindungen, dem Gefühle des Brennens, der 
Hitze oder der Kälte im Rücken zu Grunde liegt. Die 
physiologischen Untersuchungen schreiben diese Ab- 
normitäten des Empfindens, welche unter solchen Ver- 
hältnissen mit den verschiedensten Gesichtsstörungen ein- 
hergehen, einem Reizzustand der hinteren Wurzeln und 



Üccipital bedingte Einwirkung. 



31 



Stränge zu. Die nicht seltenen Schmerzen im Hinterkopf 
und in den einzelnen Verästelungen des Trigeminus 
weiden von Erb auf eine direete Betheiliguug der sen- 
siblen Fasern des Plexus cervicalis, sowie auf eine Reizung 
der aus dem Gervicalmark aufsteigenden Wurzel des 
Trigeminus zurückgeführt. 

Man muss diese anatomischen Daten genau fest- 
halten, um begreifen zu können, dass der Umfang und 
die Intensität einer durch venöse Stauung gesetzten 
Druckwirkung auf die Occipitallappen genügt, um jene 
Fälle fulminanter Erblindung, die nach plötzlicher 
Suppressio mensium eintreten, physiologisch genau zu 
interpretiren. Bekanntlich wird das Sehcentrum von 
F e r r i e r in den hintersten Theil des unteren Scheitel- 
läppchens in den sogenannten Gyrus angularis verlegt. 
Die einseitige Zerstörung bedingt Erblindung des ent- 
gegengesetzten Auges, die Destruction beider Gyri angu- 
lares die Erblindung beider Augen. Die von P o o 1 y 
und Hirschberg constatirte laterale Hemianopsie bei 
Läsion der Occipitalrinde und des Markes, sowie die 
von Huguenin in 2 Fällen beobachtete congenitale 
Erblindung bei nachgewiesener Atrophie der Occipital- 
lappen dienen, wie Rosenthal hervorhebt, als weitere 
Stütze für die Annahme, dass in der Occipitalrinde des Men- 
schen sich in jeder Grosshirnhemisphäre ein Sehcentrum vor- 
finde, dessen Markfasern durch die Corpora quadrigemina, 
geniculata und Sehhügel zum Tractus opticus ziehen und im 
Chiasma eine partielle Kreuzung eingehen. Eine rasch auf- 
tretende und rasch verlaufende Compression dieser Theile ist 
demnach auch fähig, eine transitorische Erblindung ohne 
irgend welche materielle Veränderungen des Augenhinter- 
grundes hervorzurufen. In diesem Sinne also besteht 
eine Amaurosis menstrualis, ni cht aber in dem Sinne derer, 
die glauben, sie müsse sich durch eine Specifität der 



32 



Oecipitnl bedingte Einwirkung. 



Erscheinungen im Augonhintergrunde auszeichnen. 
Samelsohn beobachtete einen dahin gehörenden Fall, 
den er 1875 in der Berliner klinischen Wochenschrift 
mitfheilt, und der dosshalb immer bemerkenswerth bleiben 
wird, weil er sich gewissermaassen durch die Reinheit 
des Bildes auszeichnet. Ein 21 jähriges kräftiges Mäd- 
chen arbeitete zur Zeit der Menses mit blossen Füssen 
im Wasser stehend. Die sofortige Menostasie war noch 
am Abend desselben Tages von unangenehmen Druck- 
empfindungen in den Augenhöhlen gefolgt. Daun traten 
Sehstörungen ein, die sich gradatim steigerten und im 
.Momente der Vorstellung bereits zur völligen Amaurosis 
übergegangen waren. Die ophthalmoscopische Unter- 
suchung vermochte nichts anderes als einen etwas stärkeren 
Netzhautreflex mit leicht erweiterten Venen nachzuweisen. 
Diese Erscheinung bestand indessen noch, als einige 
Wochen später eine vollständige Restitution des Gesichts 
erzielt war. Samelsohn sucht den Fall dah in zu deuten, 
dass er eine Transsudaten in der Orbita annimmt, die 
eine Compression auf die Sehnervenstämme ausübte. 
Baumeister machte schon die Bemerkung, dass ihm 
diese pathogenetische Deutung desshalb nicht annehmbar 
erscheine, weil der Bulbus in seiner Beweglichkeit intact 
geblieben, keine Prominenz noch sonst welche Erschei- 
nungen Seitens der Conjunctiva aufzuweisen waren, die 
eine solche Annahme gerechtfertigt hätten. Der Einwurf 
scheint mir zutreffend. Nichtsdestoweniger theile ich die 
S a m e 1 s o h n'sche Auffassung, dass der Process nur das 
Kesultat einer Druckwirkung sein könne und zwar, wie 
bereits oben hervorgehoben wurde, das Resultat einer 
durch venöse Stase bedingten Compression auf die Occi- 
pitallappen. Diese Annahme interpretirt auch in unge- 
zwungener Weise den reizenden Einfluss der circula- 
torischen Störungen auf die Ursprungsstelle des Trige- 



Muskelstörungen. 



33 



minus im oberen Rückenmark rcsp. die Manifestation 
seiner specifischen Energie durch Orbitalschmerzen. Ich 
habe ähnliche Fälle gesehen, gleichfalls mit flüchtigen 
Neuralgien in einzelnen Verästelungen des Trigeminus. 
In einem Falle bestanden starke Schmerzen im Baums 
nasalis, in einem zweiten Falle stark ausgesprochene 
Speichelsecretion. 

Ein zweiter, noch viel merkwürdigerer Fall wird von 
Fernandez Santos aus Havanna mitgetheilt. Mein Ge- 
währsmann ist E. E a m p o 1 d i aus Pavia. Es handelt 
sich um ein Mädchen, das von Kindheit an blind 1 ), mit 
147s Jahren bei der ersten Menstruation wieder sehend 
wurde. Ton diesem Augenblick an besserte sich das 
Gresicht immer mehr und konnte mit 8 Tagen als normal 
angesehen werden. Vielleicht war auch hier eiue Ein- 
wirkung auf die Occipitallappen die Ursache der lang- 
jährigen Erblindung. 

Eine andere Form von Störung, die aber die Seh- 
schärfe absolut intact gelassen hatte, sah ich nach 
Suppressio mensium in der Manifestation, dass der linke 
Nervus facialis und abducens, sowie rechtsseitig der den 
Eectus internus versorgende Ast des Oculomotorius 
funetionsunfähig geworden war. Meine Diagnose lautete 
auf einen Blutaustritt am hinteren Eande der Pons 
zwischen Corpus olivare und restiforme rechterseits. 
Immerhin gehört das Auftreten solcher Formen zu den 
grossen Seltenheiten ; meistens complicirt sich das Er- 
löschen der Netzhautfunction entweder von vornherein 
oder in rascher Entwickelung mit Transsudationserschei- 
nungen. Solange dieser Vorgang gewissermaassen nur 
der Ausdruck einer rapid aufgetretenen venösen Stase 



') Anders wüsste ich die Angabe von K ampoldi nicht zu über- 
setzen: „TJna rngazza s'era conservnta cieca fino al 14 anni et mezzo." 

Mooren, Gesicl.tsstörungen und Ulerinleiden. Zweite Aufl. 3 



34 



Muskelstßmngen, 



ist, solange er ohne schwere Beteiligung des Mgemein- 

zustandet! ohne Pupillarlfthmung, eine Eingenommenheit 
des Kopfes dahergeht, darf man fast immer auf eine 
ras. he Ausgleichung rechnen, ungleich jenen Formen von 
Ncuro-Retinitis, in denen, um mit Cohnin; i m zu reden, 
nicht bloss die Grösse des venösen .Widerstandes, sondern 
auch die Macht des arteriellen Zuflusses die Intensität 
der Transsudaten bestimmt. Einen Beleg dafür, wie 
gl* i iss die Widerstandsfähigkeit des Sehnerven bei rein 
venöser Stase ist, sah ich an den Augen einer im An- 
fange der Zwanziger stehenden jungen Frau, die in Folge 
eines nach dem ersten Wochenbette aufgetretenen Des- 
census uteri eine Circulationsstörung in der Form von 
Hämorrhoidalknoten davon getragen hatte. Bis jetzt 
•wurde sie in Folge dieser Stauungen 5—6 mal von Netz- 
hauttranssudation befallen, bald auf dem einen, bald auf 
dem anderen Auge, die Sehschärfe einmal bis auf Nr. 20, 
ein anderes Mal bis auf Jäger Nr. 16, dann wieder bis 
auf das mühsame Erkennen der vorgehaltenen Finger in 
1 Fuss Entfernung reducirt, das Sehfeld war dabei zu- 
weilen bis auf 10° des S c h r e n k'schen Perimeters con- 
cenrrisch eingeengt. Jedesmal trat eine völlige Aus- 
gleichung der Störung ein. So wird man es denn auch 
nicht unbegreiflich finden, dass Patientin, die früher 
durch den Eintritt dieser Gesichtsstörungen in die grösste 
Aufregung versetzt wurde, nunmehr den Eintritt eines 
Recidives, allerdings gegen meine Auffassung - mit 
philosophischer Ruhe entgegennimmt. Ich sage gegen 
meine Auffassung, denn nur zu oft habe ich gesehen, 
dass eine therapeutische Vernachlässigung dieser Processe 
zu mehr oder minder umfangreichen functionellen und 
materiellen Veränderungen der Netzhaut führte. 

Die Betonung des venösen Characters des patho- 
logischen Processes kann nicht scharf genug geschehen, 



Fehlen dor Menstruation. 



35 



denn er ist ciu essentielles Element der Prognostik und 
darin verschieden von jenen Gesichtsstörungen, deren 
Pathogenese auf eine arterielle Hyperämie zurückzu- 
führen ist. 

Die völlige Abwesenheit der menstruellen Blutungen 
beobachtete ich im Sommer des Jahres 1857 bei einer 
äusserst kräftigen Bäuerin. Sie war damals 28 Jahre 
alt und wegen der dürftigen Entwickelung ihres Uterus 
niemals menstruirt gewesen. Monatlich zeigte sich eine 
unerträgliche Hitze und Schwellung des Gesichts. Seit 
dem 15. Lebensjahre bestand eine beiderseitige inter- 
stitielle Hornhautentzündung, die jeder Therapie getrotzt 
hatte und in regelrechten vierwöchentlichen Abständen 
von einer mehrere Tage anhaltenden Exacerbation be- 
gleitet war. Die Darreichung starker Emenagoga und 
der Gebrauch des Friedrichshaller Bitterwassers erzwang 
ein paar Mal einen spärlichen Blutabgang. Es war auf- 
fallend, wie unendlich gross der Zustand des Behagens 
für die, wie durch einen Zauberschlag von ihrer Licht- 
scheu und ihren Schmerzen befreite Patientin wurde. 
Nur 12 — 14 "Wochen dauerte dieser Zustand relativen 
Glücks; die Menstruation stellte sich trotz aller ver- 
ordneten Mittel nicht wieder ein und die Augen wurden 
wieder, wie sie bereits 13 Jahre lang gewesen. 

Ein anderer Fall ist dadurch bemerkenswerth, dass 
bei einer 31 jährigen kräftigen westphälischen Bäuerin 
nach der Geburt des vierten Kindes, die etwa 3 Jahre früher 
stattfand, bei völligem Ausbleiben der Menstruation fast 
continuirliches Kopfweh mit stetig steigernder Abnahme 
des Gesichts sich eingestellt hatte. Dieser Zustand hatte 
sich in der letzten Zeit mit intercurrent auftretenden 
epileptoiden Anfällen complicirt. Die ophthalmoscopische 
Untersuchung documentirte auf beiden Augen Neuritis 
optica, so dass im ersten Augenblick die Wahrscheinlich- 



36 



Fehlen der Menstruution. 



keitsdiagnose auf eine Leginnende Tumorbildung in 
cerebro gestellt wurde;. Dan Tragen eines SetaceuniH und 
eine Inunctionskur vermochten weder bessernd auf die 
Sehschärfe einzuwirken, noch eine Abnahme des Kopf- 
wehs herbeizuführen. Ebensowenig hatten Emenagoga 
Einflusa auf den Wiedereintritt der Periode. Dieses 
negative Eesultat wurde erst die Veranlassung zur Unter- 
suchung des Uterus. Es ergab sich eine umfangreiche 
Vergrößerung seines Volumens, die Portio war derartig 
hyperplasirt, dass das grösste Spoculum sie kaum zu um- 
fassen vermochte. Die wulstig aufgeworfenen, leicht 
blutenden Lippen Hessen das äusserst enge Orificium wie 
in einem tiefen Trichter liegend erscheinen. Von jetzt 
an wurde mit wiederholten Scarificationen, Sitzbädern 
u. s. w. die Therapie vervollständigt und diesmal mit 
einem derartig günstigen Erfolge, dass Patientin von der 
Zeit an eine Besserung des Allgemeinbefindens und des 
Sehvermögens verspürte. Das Kopfweh schwand, die 
Anfälle blieben aus, so dass die Frau, die bei ihrem 
Eintritt in die Behandlung nur nach Nr. 18 buchstabirte, 
in verhältnissmässig kurzer Zeit Jäger Nr. 3 flüssig lesen 
konnte. 

Bei einer 36 jährigen Dame, die bis jetzt, trotz 
scheinbar normaler Bildung des Uterus, niemals men- 
struirt war, entwickelte sich die hochgradige Selen - 
Chorioiditis posterior zu einem chronischen Grlaucoma. 
Vor länger als 15 Jahren habe ich eine beiderseitige 
Iridectomie mit günstigem Erfolg vollführt. Dann trat 
Schwere und Eingenommenheit des Kopfes ein und succes- 
sive Einengung des Gesichtsfeldes und hochgradiger Ver- 
fall der centralen Sehschärfe. Während die Application 
des Heurteloup niemals irgend einen Erfolg erzielt hatte, 
trat dieser gleich ein, als monatlich die Portio vaginalis 
scarificirt wurde. 



Chorioiditis disseminata. 



37 



Vielfach anders zu beurtheilen sind die meisten 
Fälle von Chorioiditis. 

Wenn man bei der Chorioiditis disseminata 
so häutig eine spärliche Menstruation beobachtet, so hat 
mau hierin nicht die Causa rnovens des Augenleidens zu 
suchen, denn es ist nichts Seltenes, die ersten Anfänge 
des Hebels bei jungen Mädchen zu sehen, die noch gar 
nicht in das Stadium der Entwicklung eingetreten sind. 
Die kachectische Körperbeschaffenheit der Patientinen, 
ihre Blutarmuth und die Anomalien ihrer Menstruation 
haben wie auch die Chorioiditis disseminata selbst ein 
gemeinsames ursächliches Moment in der Syphilis und 
Scrophulose der voraufgegangenen Generationen. Ich 
halte dafür, dass die Pigmentmaceration der Chorioidea 
aus einer angeborenen krankhaften Lymphe resultirt. Es 
gibt jedoch auch Fälle, in denen das Augenleiden lediglich 
auf Irregularität der Menstruation resp. ihr völliges 
Sistiren zurückgeführt werden muss. Ich kenne eine 
ungewöhnlich gesunde und kräftige Bäuerin aus der Nähe 
Düsseldorfs, die mich zuerst im Frühjahr 1863 consul- 
tirte. Auf beiden Augen bestand Chorioiditis disseminata, 
die das ganze Bereich der Aderhaut einnahm. Patientin, 
die damals im 20. Lebensjahre stand, war niemals men- 
struirt gewesen. Dabei zeigten sich absolut keine 
Störungen des Allgemeinbefindens, weder Eingenommen- 
heit des Kopfes noch irgend eine Schwere im Kreuze 
oder Unterleib. Hätte man ein typisches Bild der Ge- 
sundheit und der Kraft aufstellen wollen, so hätte man 
dieses Mädchen dazu auswählen müssen. Gegen die 
Schwachsichtigkeit, welche beiderseits nur das wortweise 
Erkennen von Jäger Nr. 14 gestattete und bereits seit 
6 Jahren bestand, kam zuerst Heurteloup in Anwendung 
neben dem inneren Gebrauch von Elixir propr. Para- 
celsi. Diese Behandlung blieb ohne allen Erfolg. Dann 



Dysmenorrhoe organica. 



wurden 2 — 3mal Blutegel an da« Collum des völlig normalen 
Uterus applioirt, Fussbäder, Sitzbäder und eine Reihe von 
Emmenagoga gleichfalls ohne Resultat drei Monate hin- 
durch gegeben. Dann verlor ich die Patientin aus dem Ge- 
sicht. Etwa 12 Jahre später sah ich sie zuerst wieder, 
als sie mir ihren 9 jährigen Knaben zur Schieloperation 
präsentirte ; sie hatte inzwischen 4 Kinder geboren. Auf 
meine Frage, ob und wann die Periode sich eingestellt 
habe, erwiderte sie mit aller Bestimmtheit, niemals in 
ihrem Leben Blutspuren bemerkt zu haben. Das Gesicht 
hatte sich bis auf Jäger Nr. 18 verschlechtert, ohne 
indessen die geringste Anomalie des Sehfeldes weder bei 
Tages- noch bei Lampenbeleuchtung darzubieten. Dies- 
mal erzielte der mehrwöchentliche Gebrauch von Hunyadi- 
Janos Bitterwasser insoferne eine Besserung des Seh- 
vermögens, als wieder der alte Standpunkt von Nr. 14 
erreicht wurde. Hinsichtlich der Menstruation blieben 
die Dinge, wie sie immer gewesen. Im Sommer 1880 
theilte mir Patientin mit, dass sich ohne alle "Veran- 
lassung bei ihr die Periode, wenn auch äusserst schwach, 
eingestellt habe, um aber nach zweimaligem Erscheinen 
wieder gänzlich auszubleiben. Ich theile die Thatsachen 
so mit, wie ich sie beobachtet habe, ohne mir eine 
Interpretation dieses physiologischen Räthsels zu erlauben. 

Zu wiederholten Malen habe ich gesehen, dass die nach 
Dysmenorrhoe organica auftretende Netzhaut- 
Hyperästhesie in späteren Jahren den Uebergang zu atrophi- 
schen Veränderungen des Sehnerven bildete. Es ist sogar 
keine Seltenheit, unter solchen Yerhältnissen das Auftreten 
einseitiger Netzhautablösung zu constatiren, wenn die ova- 
riale Reflexerregung auf den Nervus vagus Anlass zu starken 
Congestionen nach Kopf und Auge gibt. Je kräftiger 
und gesunder die Individuen, um so mehr wächst bei der 
Summe der uterinalen Hindernisse für die Menstruation 



Mydriasis. 



39 



die Gefahr für das Auge. Bei einer an angeborener 
Stenose des Orifioium uteri leidenden, etwa 38 Jahre 
alten Tochter eines Landwirths aus dem Clevischen konnte 
iQh den ganzen Symptomencomplex in einer wirklich 
prägnanten Weise constatiren. Die Menstruation der 
unverheirateten Patientin war stets äusserst spärlich ge- 
wesen, hatte kaum jemals länger als 2 Tage gedauert, 
immer von heftigen Schmerzen begleitet. Das Allgemein- 
befinden war, abgesehen von starker Eingenommenheit 
des Kopfes, in jeder Hinsicht befriedigend. Auf dem 
rechten Auge bestand Anaesthesia optica mit feiner 
rosiger Injection der Sehnervenpapille. Die Sehschärfe 
war bis auf das mühsame Erkennen von Nr. 3 der 
Jägerschen Schriftscala herabgesetzt, das Gesichtsfeld 
concentrisch bis 4 1 /« Zoll eingeengt. Auf dem linken 
Auge dagegen, dessen Sehschärfe schon seit einer Reihe 
von Jahren darnieder gelegen hatte, war neben einer 
deutlich ausgesprochenen Sehnervenatrophie eine partielle 
Ablösung der Netzhaut vorhanden ; die centrale Fixations- 
fähigkeit war nicht gestört und so Patientin noch fähig, 
Finger in 2 — 3 Fuss Entfernung zu zählen ; die Comple- 
mente von roth und grün wurden nicht mehr erkannt. 
Eine längere Zeit fortgesetzte Behandlung erzielte eine 
völlige Wiederherstellung der Sehschärfe des rechten Auges. 

Nicht selten tritt zu den uns beschäftigenden Er- 
scheinungen Mydriasis hinzu, theils einseitig, theils 
doppelseitig vorkommend. Bei einer exquisit ausge- 
sprochenen Hyperästhesie bestand doppelseitige Mydriasis 
bei spärlicher Menstruation auf chlorotischer Basis. 
Nebenher ging grosse Empfindlichkeit in der Höhe des 
2. und 3. Brustwirbels, Eingenommenheit des Kopfes. 
Ophthalmoscopische Veränderungen lagen nicht vor. Ueber 
5 Monate dauerte dieser Zustand, ehe die Pupillen zur 
normalen Grösse und Beweglichkeit zurückkehrten. Bei 



40 



Infantiler Uterus. 



der 18 jährigen Tochter eines Collegen aus dem Bergischen 

war die menstruelle, trotz des blühenden Aussehens der 
Patientin, nur schwer vor sich gehende Entwicklung die 
Ursache einer doppelseitigen Ohorio-Iritis mit circulären 
Synechien und umfangreichen Eornhautpräcipitaten, Die 
Ausführung einer doppelseitigen Iridectomie und die 
nachherige Anwendung einer Inunctionekur brachte das 
Sehvermögen von Jäger Nr. 20 wieder bis auf Nr. 1, 
während die Unregelmässigkeit der Menstruation durch 
den Gebrauch von Elixir propr. Paracelsi ausgeglichen 
wurde. 

Eine gleiche Schädlichkeitseinwirkung können alle 
diejenigen Processe bedingen, welche in irgend einer 
Weise mit einer ungenügenden Distension des Orificium 
uteri einhergehen; und so kommt es, dass alle Formen 
organischer Dysmenorrhoe fähig werden, Hyperästhesie der 
Retina zu erzeugen. Einer jungen Holländerin, die mit 
21 Jahren kaum noch Entwickelungssymptome zeigte und 
bei welcher Dr. Birnbaum eine infantile Entwicklung 
des Uterus constatirte, litt in der exquisitesten Form an 
dieser Hyperästhesie. 

Noch häufiger begegnet man dieser Störung bei 
angeborener Stenose des Orificiums, wenn die äusserst 
feine Oeffnung einer langgedehnten, oft spitz zulaufenden 
Yaginalportion aufsitzt. Es ist eine Seltenheit, dass man 
unter solchen anatomischen Verhältnissen nicht zur Zeit 
der spärlich auftretenden Menses eine Steigerung der 
Hyperästhesie constatirt. Ein Fall ist mir besonders be- 
merkenswerth geblieben, weil die hyperästhetischen Er- 
scheinungen nur so lange anhielten, Avie die Menstruation. 
Es handelte sich dabei um eine hypermetropische (V^) 
Dame, die in den ersten Jahren ihrer Entwicklung 
plötzlich neben der Hyperästhesie von einem derartigen 
Accommodationskrampf befallen wurde, dass sie voller 



Ursachen der Netzliautliyperaeathesin. 



41 



Schrecken die Entdeckung machte, nicht mehr Personen 
über die Strassenbreite hinaus erkennen zu können; die 
Untersuchung ergab, dass mit Concav 16 volle Sehschärfe 
für die Ferne vorhanden war. Eine Atropinbehandlung 
beseitigte die Störung, indessen trat sie noch 3 bis 4 mal 
auf und schwand erst dann völlig, als die Menstruations- 
verhältnisse einen normalen Character angenommen hatten. 

In einem anderen Falle lagen denselben Erschei- 
nungen Epithelialabschilferungen an der Vaginalportion 
zu Grunde. Neben der Hyperästhesie bestand eine un- 
gewöhnlich grosse Netzhauthyperämie, so dass es nicht 
einmal möglich war, mit Hülfe von Convex 10 Jäger 
Nr. 20 zu lesen, dabei zeigte sich starke Schmerzhaftig- 
keit der Kreuzgegend und stete Eingenommenheit des 
Kopfes. Beinahe ein ganzes Jahr dauerte dieser Zustand, 
um dann einer völligen Genesung Platz zu machen. Etwa 
7 Monate später trat bei der 19 jährigen Patientin in 
Folge schwerer Arbeit ein Rückfall ein, bei dem die 
Sehschärfe allerdings nicht so sehr reducirt war, wie das ' 
erste Mal, denn mit Convex 10 wurde noch Jäger Nr. 11 
wortweise erkannt, aber das Uebel besteht in diesem 
Augenblicke nach viermonatlicher Behandlung auf der- 
selben Höhe wie am ersten- Tage. 

In einem zweiten Falle war Endometritis und in 
einem dritten Parametritis das ätiologische Moment zu 
einer Mydriasis. In beiden Fällen war die Mydriasis 
einseitig. Der erste dieser beiden Fälle ist geheilt, der 
zweite hat jeder Therapie Trotz geboten. — In einem 
weiteren Falle bestand beiderseitige Hyperaesthesia retinae 
mit umfangreicher Einengung des Gesichtsfeldes, compli- 
cirt rechterseits mit Mydriasis, das bedingende Element 
des Leidens war Ketroflexio uteri. Patientin hat sich 
nicht wieder präsentirt. 



42 



Gesichtsfeldunomalien und Apoplexia cap. 



Bei einer jungen 23 jährigen, mit Endometritis 
haemorrhagioa behafteten Frau zeigte sich eine allmählich 
wachsende Hyperplasie des Gebärmutterkörpers; dann 
traten bei der kinderlosen Patientin auf beiden Augen 
und zwar beinahe gleichzeitig capillare Apoplexien der 
Netzhaut auf, die einen so eigenthümlichen Defect im 
Gesichtsfelde schufen, dass ich mich nicht entsinne, 
jemals Aehnliches gesehen zu haben. Der Defect, der 
nur mit einem centralen Scotom zu vergleichen war, 
hatte genau die Gestalt einer Ellipse. In das Hirsch- 
berg'sche Schema eingezeichnet reichte es auf beiden 
Augen sowohl nach aussen wie nach innen genau bis 
zum 50. Grade von dem Fixationspunkte, während seine 
Begrenzung nach oben und unten bis zum 30. Grad ging. 
Die eingeschlagene Therapie hat das Kopfweh und die 
excessiven Blutverluste beseitigt, die Apoplexien zur 
Kesorption gebracht, aber kaum einen nennenswerthen 
Einfluss auf die Verminderung des Gesichtsfelddefectes 
auszuüben vermocht, die seitliche Ausdehnung ist ge- 
blieben, nur die Perception in der Kichtung nach oben 
und unten ist jederseits um 12 Grad gewachsen, so dass 
die Figur heute nach Jahresfrist die Gestalt einer in 
ihrem Höhendurchmesser zusammengedrückten Ellipse 
repräsentirt. Bemerkt möge hier werden, dass Patientin 
nebenbei an einer Insufficienz der Valvula mitralis leidet. 

Bei einer anderen äusserst starken, aber ebenfalls 
Endometritis haemorrhagica aufweisenden Patientin trat 
mit dem 45. Jahre eine Apoplexia capillaris retinae des 
rechten Auges ein, die, ohne Consecutivstörungen für das 
Gesicht zu hinterlassen, mit einer vollständigen Aus- 
gleichung abschloss. Es wäre nicht undenkbar, dass 
beiden Störungen, sowohl den uterinalen wie den retinalen, 
eine allgemeine Erkrankung der Capillarwände zu Grunde 
liegt. 



IV. Der Einfluss der Parametritis. 



Die Störungen, welche aus den pathologischen Pro- 
cessen in Parametrien für das Gesicht resultiren, mani- 
festiren sich in einem doppelten Sinne, einmal durch die 
Acme der durch sie veranlassten Fieberbewegungen, dann 
in einem scheinbar latenten oder regressiven Stadium 
durch die Zerrungseinflüsse, welche sie auf die in ihnen 
eingebetteten Nerven ausüben können. Die ausserordent- 
lichen Variationen, die sich in der Lage, Grösse und 
Consistenz parametritischer Exsudatmassen bemerklich 
machen, lassen es begreiflich finden, dass die Eolle des 
Schädlichkeitsfactors, der ihnen für das Gesicht zufällt, 
sich unendlich verschieden gestalten muss und alle Grade 
der Scala von Null bis zur gefährlichsten Potenz durch- 
laufen kann. 

Eine 26 jährige Dame von sehr gracilem Körperbau 
präsentirte sich mir mit der Klage, dass sie trotz ihres 
an und für sich so scharfen Gesichtes nicht mehr in der 
Lage sei, sich auch nur 10 Minuten hindurch mit irgend 
einer Handarbeit beschäftigen zu können. Früher habe 
sie in die Ferne gut gesehen, sei dann successive kurz- 
sichtig geworden, ohne indessen, trotz einer systematisch 
geleiteten Atropinbehandlung eine Erleichterung für das 
Nahesehen und ein Concavglas finden zu können, welches 
das Fernsehen genügend corrigire. Die Atropinbehand- 
lung — 4 Wochen hindurch fortgesetzt — habe ihre 



44 



Parametritlaoh bedingte Störungen. 



Beschwerden nur für einige Tage gelindert, dann seien 
sie in wachsender Intensität hervorgetreten, um durch 
allmähliche Beimischung von retinaler Hyperästhesie ihr 
jeden Verkehr in grösserer Gesellschaft unmöglich zü 
machen. Eine genaue; Eruirung der anamnestischen Daten 
ergab, dass die Reihe der Klagen erst von dem Zeit- 
punkte der Verheirathung an ihren Anfang genommen 
hatten ; jede Cohabitation habe sie vor Schmerzen auf- 
schreien lassen. Die beiden überstandenen Geburten 
seien von so furchtbaren Schmerzen begleitet gewesen, 
dass man allgemein einen tödtlichen Ausgang erwartet 
habe und erst nach monatelanger Reconvalescenz sei die 
Gesundheit allmählich wieder gekommen. Die vorge- 
nommene Untersuchung ergab im rechten Parametrium 
eine harte Exsudatmasse, die nach einwärts mit dem 
Uterinkörper verwachsen schien, während sie sich nach 
aussen in derben Strängen fast fächerförmig zu dem 
Ligamentum latum hin verbreitete. Es wurde der 
Patientin zweimal täglich eine lauwarme Injection und 
die abendliche Einführung eines jodoformirten Watte- 
tampons verordnet und innerlich zur Herabsetzung der 
Reflexerregbarkeit ca. 4 Wochen lang Kai. bromat. ge- 
geben. Local geschah weiter nichts, als dass 3 Wochen 
hindurch in jedes Auge täglich 2 Tropfen einer Atropin- 
lösung eingeträufelt wurden. Bereits nach 5 Wochen 
wurde Patientin, die inzwischen angefangen hatte, sali- 
nische Mittel zu nehmen, wieder fähig, sich ihren ge- 
wohnten Beschäftigungen hingeben zu können, wenngleich 
die Myopie V 18 au ^ derselben Höhe geblieben war. 

Als ich die Patientin im Winter des folgenden Jahres 
wieder sah, hatten die parametritischen Exsudate sich 
beträchtlich verkleinert und waren nur noch wenig für 
die tastende Fingerspitze empfindlich geblieben. Das 
Allgemeinbefinden hatte sich ungemein gehoben, aber als 



I'arametritis atrophicans. 



45 



das grösate Glück betrachtete es die Patientin, „den 
Leuten wieder frei in die Augen sehen zu können". In 
diesem Augenblick wird zur weiteren Beförderung der 
Resorption noch innner Kai. jodat. genommen. 

Klinisch betrachtet wurde die pathogenetische Auf- 
fassung des Falles, dass es sich hier um eine von dem 
parametritischen Herde ausgehende Reflexerregung handeln 
müsse, durch die eingeschlagene Therapie glänzend ge- 
rechtfertigt. Ich halte es indessen für positiv gewiss, 
dass kein therapeutischer Erfolg für das Auge mehr zu 
erzielen ist, wenn die parametritischen Exsudate mit 
umfangreicher Narbenbildung abschliessen. Es steht mir 
allerdings kein klinischer Fall zur Seite, auf den ich 
mich berufen könnte. .Wenn es jedoch gestattet ist, 
auf analoge Processe hinzuweisen, so möchte ich hier 
auf jene in der Literatur bekannte Form von Kopiopia 
hysterica verweisen, deren klinisches Bild und anatomisches 
Substrat zuerst von Förster und Freund genau fest- 
gestellt wurde. Das Leiden manifestirt sich durch die 
quälendsten Rcflexhyperästhesien im Gebiete des Trige- 
minus und Opticus. Alle nur denkbaren Sensationen in 
den Bahnen des Trigeminus werden von den Kranken 
angeschuldigt, aber ihre Hauptbeschwerde bleibt immer 
die Unfähigkeit, eine künstliche Beleuchtung ertragen zu 
können, während das Sonnenlicht in der Regel ziemlich 
gut ertragen wird. Förster glaubt, diese eigentüm- 
liche Lichtscheu, „die übrigens nie mit Thränen ver- 
bunden ist, auf eine Intoleranz gegen Beleuchtungs- 
contraste, die gerade bei künstlichem Licht besonders 
gross sind, zurückführen zu können". Die Krankheit ist 
keine besonders seltene, indessen so oft sie mir auch 
aufstiess, entsinne ich mich nicht, jemals einen bleiben- 
den, selbst noch so kurz dauernden Erfolg durch die 
verschiedensten therapeutischen Agenden errungen zu 



46 



ParametrÜis atrophloaM. 



haben und bis jetzt ist; mir kein Mittel bekannt, das im 
Stande wäre, irgend einen, wenn auch noch so be- 
scheidenen Erfolg der vollendeten Thatsache gegenüber 
zu erzielen. 

Sowohl in dem eben erwähnten Falle wie in allen 
übrigen, die mir zur Beobachtung kamen, war die Seh- 
schärfe eine relativ befriedigende geblieben und kein 
Beispiel wüsste ich anzuführen, in welchem die Gesichts- 
störung jemals einen ernsten Character angenommen hätte. 
Nach den Untersuchungen von Freund geht der zu 
Grunde liegende chronische entzündliche Process in den 
Parametrien in eine narbige Schrumpfung über und be- 
wirkt durch seine centrifugale Ausdehnung an der Basis 
der breiten Mutterbänder bis auf die Beckenwandungen, 
selbst bis in's Zellengewebe des Mastdarms und der Blase, 
eine continuirliche Zerrung der in ihm eingebetteten 
Nervenbahnen. Freund hebt hervor, dass die Becken- 
knochen stets leicht durchzufühlen und auf Druck, 
namentlich das Os sacrum und coccygis, empfindlich 
seien ; ganz besonders manifestire sich diese Empfindlich- 
keit an den seitlich vom Cervix gelegenen Narb entheilen. 
Durch den Einfluss dieser Narbenbildungen komme es, 
dass der Uterus tiefer, der Cervix wie fixirt, der Laquear 
seitlich abgeflacht, derb und unnachgiebig erscheine und 
in den späteren Stadien des Leidens die Verkürzung, 
Dünnwandigkeit und mangelhafte Elasticität der Scheide 
auffalle. 

Eine ahnliche Einwirkung wie die Existenz para- 
metrischer Exsudate oder der aus ihr resultirenden Narben- 
schrumpfung können umfangreiche Zerreissung des Peri- 
neums haben, wenn durch den seiner stützenden Unter- 
lage beraubten Uterus irgend eine Zerrung auf die um- 
gebenden Weichtheile ausgeübt wird. Ich entsinne mich 
einer Dame, die gleich bei ihrer ersten Entbindung eine 



Reflexeinwirkung auf den Nerv, vagus. 



47 



so umfangreiche Zerreissung des Dammes davontrug, 
dass eine beträchtliche Senkung daraus resültirte und 
durch die Einwirkung der Luft auf die klaffenden Geni- 
talien die Schleimhaut einen epidermisartigen Character 
angenommen hatte. Der Sphincter ani war glücklicher- 
weise nicht zerrissen, aber plötzlich auftretende Diarrhöen 
zeigten, wie sehr das Rectum durch diese Verletzungen 
in Mitleidenschaft gezogen wurde. Vier weitere Ent- 
bindungen hatten dazu beigetragen, die Netzhaut-Hyper- 
ästhesie, welche unmittelbar nach der ersten Entbindung 
aufgetreten war, immer mehr zu steigern. Als ich die 
etwa 38 jährige, gracile, im Uebrigen gesunde Patientin 
zum ersten Male sah, Hessen die Sehschärfe, das Ge- 
sichtsfeld und das Farbensehen nach keiner Seite etwas 
zu wünschen übrig, aber ein mit der Hyperästhesie der 
Netzhaut einhergehen der Accommodationskrampf macht 
eine jede Beschäftigung zur Unmöglichkeit. Atropin, 
das wiederholt in Anwendung gezogen wurde, vermochte 
stets nur eine wenige Tage anhaltende Besserung zu er- 
zielen. Ich musste der Patientin erklären, class eine jede 
Medication fruchtlos bleiben würde, solange sie sich nicht 
zu einer operativen Behandlung des veralteten Damm- 
risses entschliessen könne. 

Capillare Apoplexien der Retina als Theil- 
erscheinung neuroretinitischer Processe haben an und für 
sich durchaus nichts Auffallendes, sie interpretiren sich 
einfach als Ausdruck der retinalen Strangulations- 
phänomene. Sie kommen indessen auch unabhängig von 
diesen Erscheinungen, gewissermaassen in spontaner Form 
vor, wenn die pathologischen Processe der inneren 
Sexualorgane den Anstoss zu einer Erhöhung des Blut- 
druckes vermittelst Reflexeinwirkung auf den Nervus 
vagus geben oder durch Exsudativgänge, Lageanomalien 
den Grund zu circulatorischen Störungen im Cavum 



48 



Reflexainwh'kung auf de» Nerv, vagu«. 



subperitoneale legen. Bei einer hoebbetagten Frau, die 
bereitH 11 Kinder geboren hatte, war ein ziemlich be- 
trächtlicher Descensus uteri zu Stande gekommen, der 
sie veranlasste, die Hülfe eines Gynäkologen nachzu- 
suchen. Die Introduction eines Pessariuins war, wie sie 
sich ausdrückte, gleich von ungewöhnlich starke]' Unruhe 
in der Herzgegend und Eingenommenheit des Kopfes ge- 
folgt. Nach einigen Tagen zeigte sich ein discontinuir- 
licher Blutaustritt auf der linken Netzhaut, der das 
centrale Sehen vollkommen vernichtete. Die Entfernung 
des Pessariums beseitigte die Gefässerregung, so dass 
nach Verlauf von einigen Wochen die capillaren Apo- 
plexien einer völligen Besorption entgegengingen; die 
centrale Perceptionsfähigkeit stellte sich nicht wieder her. 
Nach Yerlauf von 4 Jahren machten die Beschwerden 
des Descensus nochmals die Anwendung eines Pessariums 
nöthig. Die Gefässerregungen traten wie das erste Mal, 
wenngleich, weniger ungestüm auf, diesmal mit grosser 
Eingenommenheit des Kopfes verbunden. Bereits nach 
wenigen Wochen zeigten sich gleichfalls capillare Apo- 
plexien auf der rechten Netzhaut, aber glücklicherweise 
so excentrisch gelegen, dass die Macula lutea nicht mit 
ergriffen war, so dass eine vollständige Wiederherstellung 
möglich wurde. Patientin klagte indessen noch immer 
über schmerzhafte Empfindungen durch den Einfluss ihres 
Pessariums und bat mich um eine Untersuchung. Ich 
constatirte die Anwesenheit von Kolpitis adhaesiva, welche 
die Begrenzungslinie zwischen Vagina und Vaginalportion 
vollständig verwischt hatte. Der tief stehende Mutter- 
mund zeigte zahlreiche oberflächliche Narbenbildungen 
als Folgeerscheinung der bei den vorausgegangenen Ge- 
burten stattgehabten Einrisse. Das rechte obere Scheiden- 
gewölbe war in seinem Anschlüsse an den Uterus auf 
Druck besonders empfindlich. Ueberzeugt, dass dieses 



Zerreißsung des Perineums. 



49 



Residuum eines parametritischen Processes im Verein 
mit der vorhandenen Kolpitis die Ursache der Intoleranz 
gegen das Pessarium sei, empfahl ich seine sofortige 
Entfernung. Von dem Augenblicke an ist die Ein- 
genommenheit und Schwere des Kopfes nicht wieder 
aufgetreten. 

Diese Verhältnisse lassen es nicht auffallend er- 
scheinen, dass gerade beim weiblichen Geschlechte sich 
so häufig Sehstörungen finden in der Form von Retinal- 
Hyperämien, selbst schleichender Neuritis optica, die durch 
das Mittelglied der cerebralen Hyperämie eingeleitet 
wurden. Zum Belege mögen hier nur ein paar dahin 
gehörige Fälle angeführt werden. Bei einer jungen Dame 
im Beginn der Zwanziger, welche bei verschiedenen aus- 
gezeichneten Gynäkologen wegen eines Descensus uteri 
in Behandlung gewesen und durch das Tragen eines 
Ringes eine grosse Erleichterung ihrer örtlichen Be- 
schwerden gefunden hatte, zeigte sich als hervorstehendes 
Symptom das Gefühl des Kopfwehs, „als wäre eine eiserner 
Reifen um die Stirn gelegt". Diese Beschwerden gingen 
Hand in Hand mit starken Retinal-Hyperämien. 

Nur eines Falles entsinne ich mich, in dem eine 
-nach der ersten Geburt eingetretene Zerreissung des 
Perineums einen umfangreichen Descensus uteri hervor- 
gerufen hatte und jedesmal während der Periode von 
einem früher unbekannten Kopfschmerz mit Umflorung 
des Gesichts gefolgt war. Nach 17 jähriger Dauer trat 
auf dem rechten Auge schleichende Chorio-Iritis ein, 
welche Patientin veranlasste, meine operative Hilfe nach- 
zusuchen. Ich war damals abwesend, so dass Patientin 
sich anderwärts der Iridectomie unterzog. Für das bis 
auf Jäger Nr. 20 reducirte Gesicht wurde keine Besse- 
rung erzielt; die Eingenommenheit des Kopfes und die 
Umflorung des Gesichts blieben, wie sie gewesen. Ein 

Mooren, QesicbtBstörungen und Uterinleiden. Zweite Aufl. 4 



;-)<) 



MyoBi». 



Jahr nachher präeentirte Patientin sieh mir wieder, da 
ihr linke« Auge nunmehr gleichfalls bedroht schien. Die 
Sehschärfe war bis auf 7? gesunken, die Accommodations- 
breite eingeengt, ophthalmoscopisch wahrnehmbare Ver- 
änderungen des inneren Auges nicht vorbanden. Patientin 
stand in ihrem 89. Jährt;. Die glückliche Operation des 
veralteten Dammrisses, welche ich der Patientin als die 
erste Nothwendigkeit vorgestellt hatte, machte es möglich, 
nach vorheriger Beseitigung eines rechtsseitigen para- 
metrischen Entzündungsherdes ein Pessarium einzulegen. 
Von der Stunde an blieben Kopfweh und Obscurationen 
des Gesichts aus. Die angeführten Beispiele liessen sieh 
noch vermehren, es möge indessen genügen, hier auf ein 
solches Zusammenhangsverhältniss aufmerksam gemacht 
xu haben. Dagegen beobachtete ich nur ein einziges 
Mal doppelseitige M y o s i s bei einer 68 jährigen Dame, 
die an Prolapsus uteri litt. Jahrelang hatte das Uebel 
bestanden, merkwürdigerweise waren indessen niemals, 
wenn auch nur vorübergehend, Lähmungserscheinungen 
in den Beinen oder in den Blasenfunctionen aufgetreten; 
ebenso wenig boten die Sehnerven auch nur die leiseste 
Spur von atrophischen Veränderungen dar. Die Seh- 
schärfe der alten Dame war sogar eine derartig unge- 
wöhnlich gute, dass sie durch ihre Brille Convex 11 mit 
Leichtigkeit den feinsten Druck las. Ich vermag mir 
die vorhandene Myosis nicht anders zu erklären, als dass 
durch den herabgesunkenen Uterus eine Zerrung und 
dadurch Lähmung von Sympathicusverzweigungen hervor- 
gerufen war. 



V. Die Lageanomalien des Uterus. 



Aehnliche Störungen des Gesichts können die viel- 
fach vorkommenden Lageanomalien des Uterus hervorrufen. 
So beobachtete ich Hyperaesthesia retinae in zwei Fällen 
von interparietaler Tumorbildung. Eine aus Anteflexio uteri 
resultirende Hyperästhesie, die sich durch eine unge- 
wöhnliche Hartnäckigkeit auszeichnete, schwand erst, als 
die Patientin, eine junge Holländerin, sich auf meinen 
Kath hin ein federndes Pessarium einführen Hess. Bei 
einer anderen Dame, die sich mit ihrem 16. Jahre durch 
leidenschaftliches Tanzen eine Ketroversion zugezogen 
hatte, besteht noch heute eine sehr quälende Hyperästhesie. 
Patientin war damals 39 Jahre alt, seit längerer Zeit in 
kinderloser Ehe lebend, und wird von einer Steigerung 
der Hyperästhesie befallen, so oft sie sich einer Coha- 
bitation unterzogen hat, jedenfalls weil unter diesen Ver- 
hältnissen der Fundus uteri einen grösseren Druck auf 
den Plexus sacralis ausübt. 

In einem weitern Falle hatte bei einer Mutter von 
zwei Kindern eine Retroversio uteri einseitige Neuritis 
optica erzeugt, während das zweite Auge bis dahin intact 
geblieben war. Die Retroversio hatte keine allgemeinen 
Störungen, sondern nur secundär eine seit Jahren be- 
stehende Meningeal-Hyperämie geschaffen, bei der es 
vielleicht nicht überflüssig ist, ausdrücklich hervorzu- 
heben, dass im Verlaufe des Rückenmarks kein Symptom 
für einen Reizungsherd nachzuweisen war. 

4* 



52 



Einftuss der uterinalen Lageanomalie. 



In einer anderen Reihe von Fällen wird die Störung 
des Gesichts durch das Mittelglied m y e 1 i t i s c h c r 
Processe eingeleitet. Vor vielen Jahren consultirte 
mich eine junge Clavierlehrerin aus der Praxis des 
Dr. Gust. Schneider in Crefeld wegen Neuritis optica 
duplex. Patientin hatte in Folge einer scharf ausge- 
sprochenen Retrofiexio uteri eine derartige Lähmung beider 
Beine, dass sie nur auf Krücken sich mühsam fort- 
bewegen konnte. Dabei bestand in beiden Beinen eine 
nach der Peripherie sich steigernde Anästhesie. Die 
Darmfunctionen lagen derartig darnieder, dass Ob- 
structionen bis zu 19 Tage Dauer sich einstellten. 
Schneider erzielte eine Aufrichtung des Uterus unter 
Chloroform und fixirte seine Stellung durch ein Hebel - 
pessarium. Erst von da ab wurde die Neuritis optica 
allmählich rückgängig und Patientin wieder fähig, ihr 
Gesicht ohne weitere Beschwerden gebrauchen zu können. 
Eine Reihe von Jahren hielt diese Besserung Stand, bis 
vor ein paar Monaten Patientin sich wieder mit den 
Klagen über heftiges anhaltendes halbseitiges Kopfweh 
mit beiderseitiger Mydriasis vorstellte, diesmal wieder mit 
einer massigen Retroflexion, aber mit entzündlichen Er- 
scheinungen complicirt. Nach einer brieflichen Mittheilung 
S c h n e i d e r's haben Blutentziehungen ex utero und sali- 
nische Mittel bis jetzt einen bessernden Einfiuss ausgeübt. 

An diesem Fall, der als Typus Vieler gelten kann, 
möchte ich die Bemerkung anknüpfen, dass der Zusammen- 
hang von Erkrankungen des Uterus, der Blase, der Nieren 
und des Darms mit Erkrankung des Rückenmarks schon 
älteren Beobachtern nicht unbekannt war. Die Para- 
plegien, welche unter solchen Umständen constatirt wur- 
den, wiesen mit Wahrscheinlichkeit auf das Vorhanden- 
sein von Myelitis hin, indessen es fehlten doch die Be- 
weise, um solche Vorgänge zu erklären. 



Einfluss der uterinalen Lageanomalie. 



53 



Bei einer norwegischen Dame, die eben in ihr 
46. Lebensjahr getreten war, musste ich am 10. April 1876 
eine doppelseitige Iridectomie wegen Chorioiditis glauco- 
matosa vollführen. Härte der Bulbi, umfangreiche Ein- 
engung des Gesichtsfeldes und Herabsetzung der Seh- 
schärfe bis auf Jäger Nr. 8 waren neben einer leichten 
Palpitation der Arteria centralis die Hauptsymptome zur 
Begründung der Diagnostik. Die Excavation fehlte voll- 
ständig. Patientin hatte sich mit 17 Jahren verheirathet. 
Nach einem in den ersten Monaten der Schwangerschaft 
stattgefundenen Abortus, den sie einer acut, aber äusserst 
intensiv aufgetretenen Erkältung zuschrieb, wurde sie von 
heftigen Schmerzen im Leibe gepeinigt, so dass sie kein 
Corsett mehr ertragen konnte und oft Tage lang das Bett 
hüten musste. Dann trat ein immer mehr wachsendes 
und für die Patientin äusserst beunruhigendes Ermüdungs- 
gefühl in den Augen ein, das aber wegen der gleich- 
zeitig aufgetretenen Magenneuralgien immer als etwas 
Nebensächliches angesehen wurde. Als sie endlich einen 
erfahrenen Arzt consultirte, erklärte dieser bereits bei 
den ersten Untersuchung die Gesichtsstörung für eine 
rein reflectorische, nur bedingt durch eine Anteversio 
uteri mit oberflächlichen Ulcerationen an der Portio 
vaginalis. Eine Behandlung, die sich indessen über zwei 
Jahre hingezogen hatte, erzielte eine völlige Ausgleichung 
der Uterinbeschwerden und der bis dahin so äusserst 
quälenden Magenneuralgien. Die Augen besserten sich 
indessen nicht, sie wurden noch schmerzhafter als sie 
gewesen, dazu trat ein intensives Kopfweh mit Sausen 
in den Ohren, das sich zuweilen wie ein heftiger Platz- 
regen anhörte. Häufige Ohnmächten und eine erschöpfende 
Schlaflosigkeit brachten sie so weit, dass sie zuletzt nur 
eine sitzende Stellung im Bette einnehmen konnte, mit 
einem Kissen auf den Knieen, um darauf den Kopf ab 



54 



Einflut-s der uterinalcn Lagennomalie. 



und ZU ein wenig ausruhen zu lassen. Sechs volle Jahre 
hatte dieser qualvolle Zustand angehalten, als ich die 
Patientin zum ersten Male sah. Hie war eine grosse 
stattliche Erscheinung, deren Willensenergie durch die 
vielen Schmerzen wie gestählt erschien. Sie erklärte mit 
Bereitwilligkeit, weiter leiden zu wollen, wenn sie nur 
nicht blind würde. Die Indication, welche mich die 
Ausführung der Iridectomie vorzuschlagen veranlasste, 
ist oben erwähnt. Indem ich nur die glaueomatöse 
Chorioiditis als solche berücksichtigte, konnte ich natür- 
licherweise nicht ahnen, welche Veränderung des Allge- 
meinbefindens mit ihrer Vornahme eintreten würde. Das 
Gesichtsfeld wurde Avieder normal, mit Leichtigkeit Xr. 1 
Jäger gelesen, das Kopfweh war vollständig gewichen, 
und die heftigen Schmerzen im Rücken und ganz be- 
sonders im Os sacrum, die häufig in einer so furchtbaren 
Intensität auftraten, dass Patientin sich kaum aufzurichten 
vermochte, waren mit einem Schlage beseitigt, und doch 
hatten sie sich wie ein .rother Faden durch das qualvolle 
Dasein dieser Dame vom 18. Lebensjahre an hingezogen. 

Ich gebe die Daten genau so wieder, wie sie 
von der Patientin schriftlich niedergelegt 
sind, ohne auch nur im allerentferntesten wagen zu 
wollen, eine Interpretation über den möglichen Zusammen- 
hang der reflectorischen Erscheinungen geben zu wollen. 

Im Januar des Jahres 1881 sah ich die Patientin 
wieder. In Folge einer Erhitzung hatte sie eine rechts- 
seitige neue Gesichtsstörung bekommen, ohne dass jedoch 
das bis dahin treffliche Allgemeinbefinden irgend eine 
Erscheinung dargeboten hätte, die an die früheren Leiden 
erinnern können. Ein Arzt, den Patientin in Christiania 
consultirte, erklärte das Leiden für einen glaucomatösen 
Nachschub, der die unmittelbare Ausführung einer aber- 
maligen Iridectomie unbedingt nothwendig mache. Unter 



Einfluss der uterinalen Lageanoroalie. 



55 



dem Eintritt dieser neuen Sorgen und Aufregungen kam 
Patientin wieder zu mir. Linkerseits war das Gesicht 
ebenso intact wie in dem Zeitpunkte, als sie mich ver- 
lassen hatte. Dagegen bestand auf dem rechten Auge 
ein sectorenförmiger Gesichtsfelddefect von der Grösse 
eines Quadranten, den ich als die Consequenz eines Blut- 
ergusses in die Scheide des Sehnerven interpretiren musste. 
Keine Erhöhung des intraocularen Druckes. Die einge- 
schlagene Behandlung, die in der Application von Blut- 
egeln an das Septum narium, abendlicher Anwendung des 
Eisbeutels auf den Kopf und dem Gebrauch von Salz- 
schlirfer Bonifaciusbrunnen bestand, erzielte in so weit 
eine Besserung, als der Gesichtsfelddefect sich um die 
Hälfte verkleinerte und die Sehschärfe von Nr. 20 wieder 
bis auf Nr. 11 stieg. Zu der eingeschlagenen Therapie 
wurde ich nicht bloss durch die Diagnosenstellung ver- 
anlasst, sondern ebenso sehr durch den Umstand, dass 
Patientin bereits früher, wie sie mir jetzt erst mittheilte, 
wiederholt an Nasenbluten gelitten hatte. 

Dieser Fall ist der bizarrste, welcher jemals 
zu meiner Beobachtung gekommen ist. "Will man auch 
annehmen, dass die Reihe der Eeflexerscheinungen, 
die mit der Entwickelung dieser Krankheitsbilder ein- 
hergingen, in der Weise eines Circulus vitiosus auf- 
einander einwirkten, so muss man sich doch mit immer 
neuem Erstaunen die Frage vorlegen, wie ist es möglich, 
dass durch die Auslösung eines einzigen Gliedes aus der 
Kette der Reflexerscheinungen und zwar noch obendrein 
eines Gliedes, das nicht als Causa prima, sondern nur 
als Consecutivstörung aufgetreten ist, eine solche unge- 
heuere Veränderung in dem psychischen und physischen 
Zustande der Patientinnen hervorgerufen werden konnte. 
Bis jetzt kenne ich keine physiologische Thatsache, die 
auch nur zu einer hypothetischen Interpretation dieser 
sonderbaren Erscheinungen herangezogen werden könnte. 



56 



EinfluflS der utarinnlen Lagcanonialic. 



Oben wurde wiederholt den Umstände* gedacht, 
dass die Excavation häufig im Momente der Operation 
noch gar nicht aufgetreten war. Mit dem operativen 
Eingriff wird fast immer eine beträchtliche Besserung 
des Gesichtes erreicht, aber nicht verhütet, das» die 
Excavation sich nicht nach ein paar Jahren oder noch 
nach längerer Zeit einstelle, auch dann, wenn die ur- 
sprünglich erzielte Sehschärfe bis zum Zeitpunkte der 
späteren Vorstellung durchaus intact geblieben war. Es 
geht aus dieser Genesis der Dinge mit unwiderleglicher 
Gewissheit hervor, dass Excavation und Drucksteigerung 
resp. Druckverminderung keine congruenten, sich gegen- 
seitig immer bedingenden Erscheinungen sind. Es ist 
immerhin bemerkenswerth, dass ich bisheran bei den 
Eormen glaueomatöser Chorioiditis niemals jene colossale 
Herabsetzung der cornealen Sensibilität beobachtet habe, 
Avio bei den echten Glaucomformen. Ich lasse es in- 
dessen ganz dahingestellt, ob hier nicht ein Spiel des 
Zufalls vorliegt. Dagegen konnte ich einige Male die 
Entwickelung von Keratitis glaueomatosa beobachten, 
sowohl nach vollführter Iridectomie, wie zweimal bei 
einer später nothwendig gewordenen Cataractoperation. 
Nicht ausgeschlossen, aber immerhin selten ist die Ent- 
wickelung des Grundleidens zur Höhe einer glaueomatösen 
Chorio-Iritis. Je acuter diese Eorrn der Störung auftritt, 
um so bedrohlicher wird sie für [die Existenz des Seh- 
vermögens. 

Für eine richtige Interpretation des pathogenetischen 
Zusammenhangs wurde erst dann der Boden gewonnen, 
als es Tiesler gelungen war, durch Cauterisation de3 
Nervus ischiadicus mit Argent. nitr. entzündliche Er- 
scheinungen im Rückenmark mit consecutiver Paraplegie 
und Incontinentia urinae hervorzurufen, ohne dass das 
dazwischen liegende Stück des Ischiadicus von seinem 



Die KlenimVhen Exporimente. 



57 



Ursprung bis zur Cauterisationsstelle irgend welche krank- 
hafte Veränderungen dargeboten hätte. Von noch 
grösserer Bedeutung waren die Versuche, welche Kl e m m 
auf Veranlassung von L e y d e n unternommen und in 
einer Dissertation veröffentlicht hatte (1875). Die 
K 1 e m m'schen Experimente wiesen die sprungweise 
"Weiterverbreitung der primären Entzündung auf das 
Kückenmark nach bei einem in seinen Zwischengliedern 
vollkommen freien Nervengebiete und sie ergaben die 
ausserordentlich wichtige Thatsache, dass der entzündliche 
Process sich sogar bis in die Schädelhöhle fortpflanzen, 
selbst von einem Nervenstamm der einen Seite auf den 
entsprechenden Nerven der anderen Körperhälfte über- 
springen kennte. 

Alles weist darauf hin, dass der letzte Grund dieser 
Erscheinungen überall in entzündlichen Veränderungen 
des Centrainervensystems zu suchen ist. In einem Vor- 
trage, den E u m p f auf der Herbstversammlung der 
Aerzte des Regierungsbezirks Düsseldorf 1879 über 
Metalloscopie hielt, vermochte er, anknüpfend an die 
Thatsache, wonach die Gefässsysteme gewisser symmet- 
risch gelegener Körpertheile im engsten Zusammenhange 
stehen, den Nachweis zu liefern, dass sogar den Er- 
scheinungen der schwankenden Sensibilität immer eine 
Schwankung zwischen Hyperämie und Anämie der Haut- 
oberfläche zu Grunde liege. Seine mitgetheilten Be- 
obachtungen Hessen es als sicher erscheinen, dass mit 
einer künstlichen Hyperämie der einen Seite immer eine 
Anämie der entgegengesetzten Seite einhergehe und dass 
alle diese Veränderungen unter Schwankungen zwischen 
Hyperämie und Anämie zur Norm zurückkehren. 

Eine solche Manifestation der Gefässeinwirkung ist 
indessen fast in allen Theilen des Organismus nachweisbar, 
hier als Ursache, dort als Wirkung auftretend. Die 



58 



Diu Experimente von Brown-Sequard. 



schmerzhafte Erregung einer Hautpartie vermag, wie 

allgemein bekannt, sofortiges Erblassen des Gesichts 
hervorzurufen. Nach Reizung der Nebennieren und des 
sie umgebenden Nervenplexus konnte I> r o w n - S e q u a r d 
eine starke Verengerung der Gofässe der Pia mater des 
Rückenmarks beobachten. Wenn Rumpf die Haut an 
der Pia i iKiter der einen Gehirnheniisphäre stark fara- 
disirte, so vermochte er nach seinen Mittheilungen bei 
der süddeutschen Neurologcnversammlung Veränderung 
der Ciroulation an der gegenüberliegenden Hemisphäre 
zu constatiren. Mit den physiologischen Beobachtungen 
stimmen die pathologischen Thatsachen. Erwähnt möge 
hier nur werden, dass es mir bereits vor vielen Jahren 
möglich war, nach Erschütterung des Rückens schleichende 
Neuritis optica zu sehen, ein Zusammentreffen der Er- 
scheinungen, das noch jüngst durch Erb (Archiv für 
Psych, und Nervenkrankheiten, Bd. X, Heft 1) be- 
stätigt wurde. 

Diese Einwirkung myelitischer Entzündungsformen 
auf den Sehnerven ist demnach eine unbezweifelbare That- 
sache, gleichviel, ob der myeloische Process als ein selbst- 
ständiges Leiden auftritt oder erst als Secundärstörung durch 
die Einwirkung des Genitalsystems und des Uterinsystems 
bedingt ist. Bei der Anwesenheit von Uterinleiden sind es 
zunächst die Plexus uterini und die Nervi sacrales, die den 
Uebergang entzündlicher Vorgänge auf das Rückenmark 
vermitteln, denn das ihnen gehörende Bewegungscentrum 
liegt ausschliesslich im Lendenmark. Hier kann der 
Entzündungsprocess sich zunächst localisiren und in seiner 
"Weiterentwicklung auf die oberen Partien des Rücken- 
marks eine Neuritis optica als Theilerscheinung des all- 
gemeinen Leidens erzeugen. Es ist aber eben so gut 
möglich, dass die durch die erwähnten Nervenverbindungen 
eingeleitete Reizvermittelung direct auf den Opticus über- 



Der Einfluss der Lymphe. 



59 



tragen wird und gewiasermaassen nur als Entzündung in 
dem Endglied der Leitungsbahn zum Ausdruck gelangt, 
während das Rückenmark als solches keinen Augenblick 
hindurch irgend eine Spur des Erkrankens darbietet. 
Unter anderen Umständen sieht man, dass die circula- 
torischc Störung ihren verderblichen Einfluss unter dem 
Bilde der Meningealhyperämie entfaltet und die Form der 
Gesichtsstörung sich in allen nur denkbaren Abstufungen 
von der einfachen Anaesthesia optica bis zur vollendetsten 
Neuro-Retinitis dem Beobachter präsentirt. 

Möge nun der pathogenetische Entwickelungsgang 
der Dinge so sein, wie er eben geschildert wurde oder 
sei die Erkrankung der Netzhaut resp. des Sehnerven 
durch venöse Stauungsanomalien hervorgerufen oder 
reflectorisch durch Erregung des Gefässsystems von den 
Ovarien aus entstanden, die consecutiven anatomischen 
Störungen für die Netzhaut und den Sehnerven resultiren 
nicht bloss aus den mit jedem entzündlichen Process 
notb wendig verbundenen circulatorischen Störungen, son- 
dern in einem noch höheren Grade durch den zersetzenden 
Einfluss, den die stauende Lymphe auf den Achsencylinder 
der Nervenfasern ausübt. Es ist das grosse, in seiner 
Tragweite noch nicht genug gewürdigte Verdienst von 
Rumpf, diese Art der Einwirkung der Lymphe zuerst 
entdeckt und nachgewiesen zu haben, dass die dadurch 
bedingte Quellung der Achsencylinder zu einer schliess- 
lichen Resorption führe. Der erste, welcher den ana- 
tomisch-pathologischen Beweis für den Einfluss der 
Rumpf sehen Entdeckung auf den Sehnerven nachzu- 
weisen vermochte, war Kuhnt. Dieser vermochte in 
zwei Fällen von Neuritis optica eine Quellung der Achsen- 
cylinder zu constatiren, ohne dass sich eine Zunahme der 
bindegewebigen Längs- oder Querfasern gefunden hätte. 
An der hinteren Grenze der Lamina, wo die Nervenfasern 



60 



Der Emfluss der Lymphe. 



noch mit ihren Mark 11 Rinteln versehen und somit der Ein- 
wirkung- der Lymphe nicht ausgesetzt waren, konnte 
keine Schwellung nachgewiesen werden. Die Quellungs- 
erscheinungen an und für sich heben die Functionen der 
Fasern noch nicht völlig auf, sie sind sogar, wie eine 
grosse Reihe von Fällen heweist, der vollständigsten 
Rückbildung fähig. Damit stimmt die physiologische 
Thatsache, dass ein durch Trennung vom Rückenmark 
degenerirtes Nervenende trotz gequellter Achsencylinder 
noch längere Zeit erregbar bleiben, selbst nach einigen 
Beobachtern ein Stadium erhöhter Erregbarkeit durch- 
machen kann. 

In einer anderen Reihe von Fällen gehen indessen 
die Erscheinungen nicht zurück. Auf die Vergiösserung 
des Achsencylinders folgt endlich eine reactive hyper- 
trophische Entzündung des Bindegewebes mit Gefäss- 
neubildung etc., welche zu Continuitätsunterbrechungen 
der Faser führen muss, so dass sich schliesslich als End- 
stadium die Resorption der Nervenfaser mit Ausnahme der 
bindegewebigen Bestandteile einstellt. Wie sich die 
Circulationsstörungen und Lymphstauungen in der Retina 
verhalten und hier weiter verlaufen, bedarf allerdings 
noch der genaueren Untersuchung. An Befunden von 
stark verbreiterten, meist als hypertrophisch aufgefassten 
Nervenfasern hat es auch hier nicht gefehlt. Aber auch 
abgesehen von diesen Befunden scheinen Stauungen detf 
Lymphe die Retina im Anschluss an Erkrankungen des 
Opticus zu ergreifen. Die Lymphgefässe bilden, wie 
Cohnheim so treffend hervorhebt, das Abfuhrsystem 
für alle Gefässtranssudate ; je mehr der mit einem Ent- 
zündungsprocess einhergehende venöse Abfluss gehemmt 
ist, um so mächtiger wird der Einfluss der Lymphgefässe, 
je weniger rasch diese im Stande sind, die Transsudate 
wegzuschaffen, um so unvermeidlicher ist die Ausbildung 



Der Einttuss der Lymphe. 



61 



eines Oedems. Und so kommt es denn auch, dass eine 
jede Neuritis optica durch die Verbreitung des Oedems 
auf die Netzhaut selbst den Character einer Neuro- 
Ketinitis annehmen kann ; das Missverhältniss der Grösse 
des arteriellen Zuflusses und der relativen Langsamkeit 
des venösen Abflusses drückt dieser Form des Erkrankens 
ihr Gepräge auf. Diese Neuro-Retinitis, welcher man 
in acuter Form so häufig nach excessiven Blutverlusten 
bei Abortus, Placenta praevia, der Anwesenheit von 
Ovarialgeschwülsten, Endometritis haemorrhagica etc. be- 
gegnet, zeichnet sich fast immer durch ihren malignen 
Einflus3 auf die Functionen des Gesichts aus. Man muss 
eben nicht ausser Acht lassen, dass schon Blutverluste 
an und für sich die Propulsivkraft des Herzens im 
höchsten Grade 'herabsetzen, eine Störung, die in ihren 
Consequenzen noch erhöht wird, wenn bei einer bereits 
geschwächten Constitution die Zufuhr des arteriellen 
Blutstroms zu den Sehnerven und der Netzhaut auf das 
minimalste Maass heruntergedrückt ist. Damit sind in 
besonders hohem Maasse die Bedingungen geschaffen, 
dass an die primäre retinale Anämie sich seröse Trans- 
sudationen der benachbarten Gewebstheile mit anatomischer 
Nothwendigkeit anschliessen. 

In der Geneigtheit dieser Transsudationserschei- 
nungen, sich bei der verminderten Energie der Blut- 
circulation möglichst lange hinzuziehen, und in ihrer 
Mächtigkeit auf einem durch grosse Eiweissverluste be- 
reits doppelt empfänglichen Boden liegt es, dass eine 
ungewöhnlich reiche Aufnahme von Lymphe stattfinden 
muss. Ihrem zersetzenden Einfluss auf den Achsencylinder 
ist somit jeder nur denkbare Vorschub geleistet, um 
Netzhaut und Sehnerven einer baldigen Destruction durch 
Atrophie entgegenzuführen. Ich wüsste mich kaum eines 
Falles aus der Zahl meiner Beobachtungen zu entsinnen, 



62 



Pathogenese der Erscheinungen. 



in welchem wegen des gemeinsame» pathogenetischen 

Momentes — der Anämie des Gehirns — die Störung 
sieh nieht auf beiden Augen gleichzeitig manifestixt 
hätte, vielleicht nur graduell auf dem zweiten Auge ver- 
schieden. Die Zahl der Beobachtungen, in deuen nur 
ein Auge der Amaurose anheimfiel, während das zweite 
nothdürftig erhalten wurde, ist immerhin eine relativ 
kleine. 

Logen wir uns zunächst die Frage vor, ob die Er- 
scheinungen, welche im Laufe dieser Darstellung ange- 
führt wurden, zufällige Complicationen sind oder ob sie 
durch ein gemeinsames Band anatomisch-physiologischer 
Vorgänge zusammengehalten werden, so kann darauf mit 
positivster Bestimmtheit erwidert werden, dass sie auf 
einer unanfechtbaren Unterlage beruhen. Die schönen 
Untersuchungen von Prof. Kohr ig haben es zur vollsten 
Evidenz erwiesen, dass die electrische Heizung des 
Ovariums den Gesammtblutdruck steigert und jede Druck- 
erhebung von einer prägnant ausgesprochenen Beizung 
des Yagus begleitet ist. Damit rufen die centripetal 
leitenden sensiblen Ovarialnerven in ihrer Einwirkung 
auf den Yagus eine Verminderung der Herzcontractionen 
hervor und geben uns so den Schlüssel, warum oft selbst 
die glänzendst ausgeführte Ovariotomie nicht selten einen 
letalen Ausgang durch unerwartete Paralyse des Herzens 
nimmt. Die Ovarialnerven verlassen, um Röhrig's 
eigene Worte zu gebrauchen, die Aorta vom zweiten 
Ganglion renale und dem Plexus spermaticus und senken 
sich, von der starken Arteria und Vena spermatica be- 
gleitet nach dem Eierstock, in welchem sie sich, dem 
Laufe der Grefässe folgend, in kleine Stämmchen ein- 
betten. Die Ovarialnerven sind es, die durch ihre Ver- 
bindungen mit dem Plexus uterin. und den Kreuzbein- 
nerven, den einzigen motorischen Bahnen für die Inner- 



Pathogenese der Erscheinungen. 



<•>:; 



vation der Gebärmutter, die reflectorischen Beziehungen 
zwischen Genitalien und Centrum vermitteln. Die colos- 
B ale Entwickelung dieser sexuellen Nervenverästelungcn, 
die in dem Umfange wachsen, als sie sich dem Collum 
uteri nähern, um dort, sowie in dem oberen Theile der 
Vagina durch eingelagerte Ganglien in ihrer Wirksamkeit 
noch erhöht zu werden, gewinnt noch grössere Bedeutung, 
wenn man sich die unzähligen arteriellen und venösen 
Gefässverhindungen vergegenwärtigt, die sie mit nicht 
minder stark entwickelten Lymphbahnen in ihrem Ver- 
laufe begleiten und E o u g e t veranlassten, das Cavum 
subperitoneale als Träger dieser Verbindungen und des sie 
umhüllenden Beckenbindegewehes mit einem cavernösen 
Gewebe zu vergleichen. Die unzähligen Verbindungen 
dieser sensiblen Nerven der Sexualorgane mit den sen- 
soriellen Centraiorganen, den vasomotorischen Centren 
und den verschiedensten motorischen Bahnen macht es 
a priori begreiflich, dass das Cavum subperitoneale ge- 
wisser maassen den Centraiherd für die Erregungsbahnen 
abgibt, denn Alles, was im Stande ist, eine vermehrte Fül- 
lung der eingelagerten Gefässverhindungen zu vermitteln, 
muss die eingelagerten Nervenverästelungen in ganz be- 
sonders hervorragender Weise tangiren. 



VI. Die Hysterie. 



Wir wenden uns jetzt zu einer anderen Eeihe von 
Störungen, die nicht aus einer bestimmten Form uteri- 
naler Leiden resultiren, sondern vorzugsweise ihren Grund 
in der weiblichen Organisation haben. Zu allen Störungen, 
denen der weibliche Organismus ausgesetzt ist, gesellt sich 
in der Regel sehr früh eine rasche Ermüdung des Gesichtes 
(Ästhenopia aecommodativa). Wird trotz der subjectiven 
Beschwerden die Arbeit fortgesetzt, so röthen sich die 
Lider und schliesslich macht sich nach einer noch so 
kleinen Anstrengung eine gewisse Empfindlichkeit für 
Licht bemerkbar. Die abendliche Einträufelung eines 
Tropfens einer leichten Cocainlösung (0,15 Cocain mur. 
und 10,0 Aq. destill.) beseitigt für gewöhnlich diese Be- 
schwerden. Nimmt die Ermüdung der Accommodation den 
Character eines Krampfes an, der sich zu jedem Brech- 
zustand des Auges gesellen kann, so steigern sich die 
ursprünglichen Beschwerden bis zu einem drückenden 
und spannenden Gefühl im Auge, das unter den Um- 
ständen derartig intensiv wird, dass die Patientinen nach 
Verlauf von 15—20 Minuten genöthigt sind, eine eben 
angefangene Arbeit zu unterbrechen. Zwingen sich der- 
artig Leidende zu einer Fortsetzung ihrer Thätigkeit, so 
tritt Eingenommenheit des Kopfes, selbst Brechneigung ein, 
und bei ungewöhnlich sensiblen Personen gesellt sich zu 
diesen Empfindungen ein Anfall von Schwindel, selbst 



Accomniodationskraropf und muskuläre Asthenopie. 65 



Migräne und Neuralgien, die sich bis in die Schlaf enregion 
und in den Hinterkopf hinein erstrecken. Ophthalmo- 
scopisch ist stets eine rosige Imbibition des Sehnerven 
zu constatiren. Unter diesen Umständen wird das Leiden 
nur durch absolute Sistirung der Arbeit und eine drei 
Wochen hindurch fortgesetzte Atropinbehandlung, die den 
krampfhaft angespannten Accommodationsmuskel in den 
Zustand der Euhe versetzt, wieder ausgeglichen. 

Machen sich zufällig die Erscheinungen eines hoch- 
gradigen Verfalls der Kräfte geltend, so treten zu den oben 
erwähnten Symptomen die Erscheinungen der muskulären 
Asthenopie, die es den Patienten nicht gestatten, die 
Augenachsen lange auf einen Punkt zu vereinigen. Die 
Zeilen eines Buches scheinen sich übereinander zu 
schieben, zu verdoppeln, das Auge nimmt rings um die 
Cornea eine rosige Injection an, und die Lider sind wie 
gedunsen. Alle diese subjectiven Beschwerden werden 
ausgeglichen durch das Tragen eines prismatischen Glases 
bei der Nahearbeit. Führt dieses nicht zum Ziele, so 
wird eine Tenotomie des Antagonisten ausgeführt, um 
dem inneren Augenmuskel die Arbeit des Fixirens zu er- 
leichtern. Wenn aber im gegebenen Falle die Con- 
vergenzleistung eines Muskels ungewöhnlich schwach sich 
erweist, so thut man am besten, die Arbeitsleistung des 
Muskels durch Veränderung des Ansatzpunktes zu steigern. 

Ich weiss ganz genau, dass die Beschwerden nicht 
ausschliesslich eine Eigentümlichkeit des weiblichen 
Geschlechtes sind, aber die statistische Zusammenstellung 
der dahin gehörenden Fälle weist eine ganz entschiedene 
Präponderanz dem männlichen Geschlechte gegenüber nach 
und desshalb findet diese Art der Störung hier eine ge- 
rechtfertigte Besprechung. 

Die hysterischen Affectionen des Gesichts finden 
hier eine kurze Erwähnung, wenngleich meine langjährige 

Mooren, Gesichtsstörungen und Uterinleiden. Zweite Aufl. 5 



66 



Hysterische Sclistörungen. 



Thätigkeit mir niemals einen Fall vorgeführt hat, der 
sioh durch irgend eine Specifität der Symptome ausge- 
zeichnel hätte. Gleich dem Grundleiden, das ohne materielle 
Veränderungen des Nervensystems auftritt, vermag der 
aufmerksame Beobachter in ihrer Manifestation nur eine 
Th eilers cheinung eines allgemeinem Zustandes zu er- 
blicken, dessen Wurzeln überall in der psychischen Auf- 
merksamkeit liegen, die irgend einem Beschwerdezustand 
zugewendet wird. Nur desshalb, weil sexuelle Leiden, 
oft wohl unbedeutender Art, den Ausgangspunkt dieser 
nervösen Störungen bilden, ist eine kurze Erwähnung 
hier gerechtfertigt. Die Erblichkeit und ein gegen Reiz- 
einwirkungen wenig widerstandsfähiges Nervensystem 
bedingen die Disposition und der psychische Einfluss gibt 
die Gelegenheitsursachc. Die einzelnen Symptome des 
hysterischen Leidens beschäftigen uns hier nicht, wir 
berücksichtigen sie nur insofern, als sie die functionelle 
Energie des Auges beeinflussen. 

Accommodationskrampf und muskuläre Asthenopie 
sind mir allerdings bei Hysterischen häufig vorgekommen, 
aber eine Eigenthümlichkeit des Zustandes -vermag ich dabei 
nicht zu erblicken. Die vollständige Interpretation ihres 
Auftretens findet man entweder in der vorausgegangenen 
Ueberanstrengung des Gesichtes oder in der nebenher- 
gehenden Uterinstörung. 

Nur eines einzigen Falles von Torpor retinae, wobei 
die Sehschärfe bis auf ein noch dürftiges Erkennen von 
Nr. 16 der Jäger'schen Schriftscala herabgesunken und 
das Gesichtsfeld ziemlich concentrisch bis auf einen Durch- 
messer von 3 Zoll eingeengt war, will ich hier gedenken. 
Die junge elegante Dame gefiel sich darin, hervorzuheben, 
Avie es ihr wohl zu Muthe sein würde, wenn sie auch mit 
dem 2. bis dahin untrüben Auge gleich schlecht sehe. Nach 
14 Tagen präsentirte sie sich wieder mit der Klage, sie 



Hysterisoho Selistörungen. 



67 



fange an, auch jetzt mit dorn linken Auge schlecht zu 
sehen. Nachweisbar war nichts, ebensowenig etwas 
Ophthalmoscopisches zu entdecken. Abermals mochten 
8 Tage vergangen sein, als sie sich mir wiederum mit der 
Behauptung vorstellte, nunmehr mit diesem Auge gar nichts 
mehr sehen zu können. Mit der grössten Ruhe bemerkte 
ich ihr: „Fahren Sie fort, Ihr bisheriges Medicament 
(Amonn. brom. et Natr. bromat. ) weiter zu nehmen, Sie 
werden vollständig curirt. " Richtig, nach 6 Wochen war 
die colossale Schwachsichtigkeit des einen und die Blind- 
heit des zweiten Auges vollständig beseitigt. 

Dieser Fall ist der einzige hysterischer Erblindung, 
der mir jemals zu Gesicht gekommen ist, vorausgesetzt, 
dass die junge Dame mich nicht zu täuschen gesucht hat. 

Dagegen liegt die Beobachtung eines unzweifel- 
haften Falles doppelseitiger Amaurose durch Mendel vor, 
bei dem die Störung 8 volle Monate währte. Ein 
26 jähriges Mädchen ist dort der Gegenstand der Be- 
obachtung, das mit 20 Jahren chlorotisch und dann 
hysterisch wurde: „Die Hysterie manifestirte sich in 
Kopf-, Magen- uud Rückenschmerzen und steigerte sich 
zu einer mit Delirien und maniacalischen Anfällen ein- 
bergehenden Psychose. Die Weite der Pupillen war 
nicht immer constant, ihre Reaction meist normal, manch- 
mal auch erloschen. " (S. Cohn.) 

An diese Categorie von Fällen scheinen sich jene 
Störungen anreihen zu lassen, deren Ausgangspunkt von 
C h a r c o t in eine Hyperästhesie des Ovariums verlegt 
und dann von Landolt in der Salpetriere genauer 
studirt wurde. Die Patientinen empfinden schon lange 
vor jedem hystero-epileptischen Anfalle eine hysterische, 
vom Unterleib ausgehende Aura. Dann tritt bei bis 
dahin vollständig freiem Kopfe der Anfall ein. Mit 
einem lauten Schrei fallen die Kranken unter Blässe 

5* 



OS Die L&ndolt'flohen Beobachtungen. 

des (iesiclifiis und Verlust des Bewußtsein« hin. Die 
Verzerrung- des Gesichtes mit zeitweiligem Austritt 
eines blutigen Schaumes aus dem Munde und einer 
allgemeinen Starre bilden das erste Stadium. Hierauf 
erfolgen heftige Bewegungen, wiederholte Erhebungen 
des Beckens, Hin- und Herwenden des Oberkörpers, um 
endlich mit Schluchzen, Weinen und Lachen den Anfall 
abzuscliliessen. Nur eine ganz leichte Steigerung der 
Temperatur findet dabei statt. Characteristisch ist, dass 
die Compression des Ovariums häufig im Stande ist, die 
Erscheinungen zu modificiren oder gänzlich abzuschneiden. 
Weiter zeigt sich immer ein Schmerz in dem einen 
Ovarium, zuweilen in beiden, ganz besonders auf Druck 
hervortretend. Dazu tritt, dass die so erkrankten Frauen 
immer von Anästhesie und Analgesie auf der Seite des 
ergriffenen Ovariums befallen sind. Daneben bestehen 
Veränderungen des Gehörs, Geschmacks und Geruchs. 
Mit dieser Parese in den sensiblen Nerven vereinigen 
sich, häufig Monate, selbst Jahre hindurch, Lähmungen 
der motorischen Nerven, Contractionen, klonische Krämpfe 
derselben Seite, Erscheinungen, die einen doppelseitigen 
Character annehmen, sobald beide Ovarien ergriffen sind. 
Nach dem Zeugnisse Landolt's steigen und fallen die 
Symptome seitens der Augen mit dem Grundleiden. Er 
unterscheidet vier verschiedene Categorien von Gesichts- 
störungen. 

l.-Bei der ersten bieten die Augen weder äusser- 
lich noch ophthalmoscopisch irgend ein objectives Symptom 
dar, indessen sind die beiden Augen functionell mehr 
oder minder verändert. Während die Sehschärfe des 
Auges auf der gesunden Seite noch normal ist, zeigt 
sein Gesichtsfeld bereits eine concentrische Einengung, 
wenigstens hinsichtlich der Farbenwahrnehmung. Das 
Auge der erkrankten Seite zeigt eine quantitative Ver- 



Die Lnndolt'schen Beobachtungen. 



69 



minderung aller Netzhautfunctionen, Sehschärfe, Gesichts- 
feld und Farbenwahrnehmung haben in gleicher Proportion 
abgenommen. 

2. In einer zweiten Keihe von Fällen oder vielmehr 
in einer weiteren Periode der Erkrankung sind die 
objectiven Symptome auf der kranken Seite noch mehr 
entwickelt und beginnen bereits, wenngleich weniger 
umfangreich, auf dem gesunden Auge sich zu zeigen. 

3. In den Fällen mit bedeutend herabgesetzten 
Ketinalfunctionen, wenn z. B. das kranke Auge kaum 
noch Finger zählt, eine partielle oder totale Achromatopsie 
sich bemerklich macht und das Gesichtsfeld bis auf 
wenige Grade vom Fixationspunkt beschränkt ist, ge- 
wahrt das Ophthalmoscop zuweilen eine Verbreiterung 
der retinalen Gefässe mit seröser Durchtränkung. 

4. Einmal bestand neben den bereits erwähnten 
-Symptomen eine partielle Atrophie des Sehnerven auf 
beiden Seiten. 

Ich führte hier die L a n d o 1 Aschen Beobachtungen 
an, so wie sie von ihm mitgetheilt wurden, da ich bisher 
selbst niemals einen Fall dieser Categorie gesehen habe, 
bin indessen nicht geneigt, diese Gesichtsstörungen als 
ein Leiden eigener Art anzusehen, möchte vielmehr 
glauben, dass durch die vom Ovarium ausgehende Reflex- 
erregung genau dieselben Erscheinungen hervorgerufen 
werden, wie wir sie in allen Abstufungen nach Hyper- 
aesthesia retinae bis in die späteren Stadien des Torpors 
beobachten, wenn zufällig circulatorische Störungen sich 
am Opticus oder in der Retina bemerklich machen. 



VII. Die Basedow'sche Krankheit. 



Sie ist eine Störung, die vorzugsweise den weib- 
lichen Organismus befällt. Unter 58 Erkrankungsfällen, 
die bis Herbst 1881 in meinem Kranken journale ein- 
getragen waren, lieferte das weibliche Geschlecht 54 Fälle. 
Eine ungewöhnlich stark beschleunigte Herzaction, die 
Schwellung der Schilddrüse und das Hervortreten der 
Augäpfel bilden für gewöhnlich die Erscheinungen, um 
die Diagnose zu sichern. Bereits im Jahre 1874 konnte 
ich eine Eeihe von Fällen anführen, in denen das eine oder 
andere dieser Cardinalsymptome fehlten. Seit dem Jahre 
1887 sind diese Formen durch die Publicationen von 
P. Morie in der Literatur als formes frustes bekannt, 
während ich sie damals als Abortivformen bezeichnete. In 
der Eeihe der von mir beobachteten Fälle von Morbus Base- 
dowii konnte 4 mal die Abwesenheit einer beschleunigten 
Herzthätigkeit constatirt werden; unter diesen war ein 
23 jähriges Mädchen, bei dem gleichzeitig jede Spur einer 
Schwellung des Halses fehlte ; ein linksseitiger Exophthal- 
mus, welcher auf die Existenz einer Basedow'schen Krank- 
heit hinwies. Das rechte Auge war hinsichtlich der Promi- 
nenz, der Beweglichkeit und der Sehschärfe in jeder Be- 
ziehung intact. Die Elemente zu einer unzweifelhaften Be- 
gründung der Diagnostik hätten gefehlt, wenn nicht beim 
Blick nach unten sowohl auf der einen, wie auf der 
anderen Seite die Beweglichkeit des oberen Lides gefehlt 



Complicata mit Versohwärung der Hornhaut. 71 

hätte. Bei einem 28 jährigen war durch das plötzliche 
Ausbleiben der bis dahin regelmässigen Menses eine 
strumatöse Schwellung des Halses mit Herzpalpitationen 
aufgetreten. Aber auch in diesem Falle fehlte das 
Grafische Lidsymptom nicht. Man muss demnach 
schliessen, dass diese Entwicklung, welche an und für 
sich von mehr untergeordneter Bedeutung ist, in seiner 
symptomatischen Beziehung als characteristisch für die 
Ent Wickelung des Morbus Basedowii gelten darf. 

Fünfmal habe ich das einseitige Auftreten von 
Exophthalmus bei Morb. Basedowii, darunter einmal, wie 
oben bereits erwähnt, bei vollständigem Fehlen von Herz- 
palpitationen und strumatöser Schwellung des Halses; ein 
o-anz Reicher Fall ist von dem verstorbenen Quaglino 
in Neapel beobachtet. 1 ) 

Es ist bemerkenswerth, dass unter all diesen Fällen 
nur 2mal Verschwärung der Hornhaut zur Beobachtung 
gelangte. Patientin präsentirte sich mir zuerst am 
7. August 1879 mit ausgesprochenem Morbus Basedowii. 
Die hoch in den 30ern stehende, unverheirathete Dame 
war nach der Mittheilung des Hausarztes bis vor einem 
halben Jahre stets gesund gewesen. Fortwährende Auf- 
regungen hatten Jahre hindurch auf sie eingestürmt, 
denn auf ihren Schultern lastete fast ausschliesslich die 
Pflege einer schwer kranken Schwester, die kurz vorher 
nach 3 jährigem Krankenlager an chronischer Bulbär- 
paralyse zu Grunde gegangen war. Der 80 jährige Yater 
hielt die Familie ebenfalls in steter Aufregung, denn 
seit Jahren litt er an Angina pectoris, zeitweilig mit 
einer derartigen Unregelmässigkeit der Pulsschläge, dass 

') Un caso — fu osservato dal prof. Quaglino in una giovino 
donna, nella quäle Tesostalmo si sviluppo 6 in modo acuto nella prima 
notte che segui al matrimonio, senza accompagnamento di fenomini 
da parte dell' xiroidea e del cuore. (Rampoldi.) 



c 



T2 



Die Behandlung des Füll«. 



der Arzt sie nicht mehr zu zählen vermochte. So 
schienen also Anomalien des Gefässsystems gewisser- 
massen in der Familie hereditär zu sein. Auch der 
Bruder, der mir die schwer kranke Schwester zuführte, 
litt an ausgesprochenen öefässectasien im Bereiche des 
ganzen Gesichts. 

Die gesteigerten Herzpalpitationen, welche sich hei 
unserer Patientin in den letzten Monaten eingestellt hatten, 
wurden von ihr Anfangs als eine Folgeerscheinung der 
anhaltenden Gemütsbewegungen gedeutet. Dann zeigte 
sich eine allmählich wachsende Gefässinjection des unteren 
Conjunctivalabschnitts, die in der Heimath als Binde- 
hautentzündung aufgefasst und behandelt wurde. Schliess- 
lich nahmen die Augen einen glotzenden Ausdruck an; 
intercurrent trat acuter Gelenkrheumatismus auf, der aber 
nach dem Gebrauch von Natr. salicyl. bald wich. Als 
ich die Patientin zum erstenmale sah, war die Hornhaut 
beider Augen von dicken Conjunctivalwülsten, corre- 
spondirend der Ausdehnung des unteren Lids, eingefasst. 
Die Hornhaut des rechten Auges war noch vollständig 
transparent, linkerseits bestand bereits Infiltration, die 
bis an den unteren Pupillarrand reichte. Die Empfindlich- 
keit der rechten Hornhaut war bei Betupfen mit einem 
Papierschnitzel herabgesetzt, linkerseits kaum noch eine 
reactive Lidbewegung vorhanden, wenn die Hornhaut 
berührt wurde. Der Puls war 110, der Kopf im höchsten 
Grade eingenommen. Am dritten Tage war die linke 
Hornhaut zu 5 ^ infiltrirt und die rechte zeigte bereits 
den Beginn derselben grauen, ominösen Infiltration, die 
linkerseits schon im Momente der Vorstellung constatirt 
war. Es gab überhaupt kein Symptom in dem Krank- 
heitsbilde, das nicht eine Steigerung trotz hoher Dosen 
von Tinct. Veratri viridis erlitten hätte. Keine Woche 
war verflossen, als ich eines Morgens zu der Patientin 



Die Behandlung des Falls. 



73 



gebeten wurde, da das linke Auge unter grossen Schmerzen 
zersprungen sein sollte. Ein Theil des Glaskörpers hing 
noch auf der Wange, die Linse fiel in meine Hand 
hinein, als der Verband entfernt wurde. Monatelang 
zog sich die Behandlung hin. Cataplasmen, die über die 
mit Oleum papav. getränkte Leinwandstreif chen gelegt 
wurden, verminderten das furchtbare Spannungsgefühl in 
den Augen und gaben einen schwachen Hoffnungsschimmer, 
eine Vasculeritation in dem grauen Infiltrationsgebiet 
hervorrufen zu können. Dyspnoe und Schwere des Kopfes 
stiegen immer mehr unter der stürmischen, sich stellen- 
weise bis zu 140 Schlägen in der Minute erhebenden 
Herzpalpitation. Eisaufschläge auf den Kopf, continuir- 
lich bei Tage fortgesetzt, unterstützt ab und zu von dem 
intercurrenten Ansetzen von ein paar Blutegeln an das 
Septum narium vermochten allein der armen gequälten 
Kranken einige Erleichterung zu bringen. Digitalis und 
die fortgesetzte Darreichung von Tinct. veratri viridis 
erzielten kaum eine nennenswerthe Herabsetzung der 
Pulsfrequenz. Im Winter endlich Hessen die stürmischsten 
Erscheinungen nach, der obere Theil der rechten Horn- 
haut behielt seine Transparenz so weit, um eben noch 
das Faserwerk der Iris erkennen zu lassen; dann trat 
die Prominenz der Bulbi etwas zurück, später verlor sich 
der untere Conjunctivalwulst so weit, dass ein noth- 
dürftiger Lidschluss erreicht wurde. Patientin konnte 
nunmehr mit der Weisung in die Heimath entlassen 
werden, dort dieselbe Medication weiter zu gebrauchen 
und zur Lichtung der vorhandenen Hornhauttrübung täg- 
lich Einträufelungen von Physostigmin salicyl. zu machen. 
Die Lichtperception war rechterseits durchaus befriedigend, 
linkerseits unbestimmt. Seit der Abnahme der Prominenz 
der Bulbi kehrte auch allmählich die Sensibilität der 
Hornhaut auf Berührung wieder zurück. Im Frühjahre 



74 



Ursachen der Erkrankung. 



glaubte ich die Luge der Dinge so weit gesichert, um 
die Ausführung einer [rideotomie unternehmen zu dürfen, 
wenngleich der Lidschluss noch immer mangelhaft und 
der untere ConjunctiYalabtheil noch immer aufgewulstei 
war. Die Hornhaut war indessen noch derartig trübe, 
dass ich die Operation nur unter Lupenvergrösserung vor- 
zunehmen wagte. Am 23. April 1881 wurde die Iridoto- 
mie mit einem solchen Erfolg ausgeführt, dass Patientin 
nach Verlauf von 14 Tagen meine Pinger in 8 Fuss Ent- 
fernung zu zählen vermochte. Als ich sie im Laufe des 
verflossenen Sommers wieder sah, hatte sich das obere 
Hornhautsegment noch mehr geklärt; ich musste mich 
aber auch leider davon überzeugen, dass die Trübung des 
Linsenkerns die beginnende Entwickelung eines grauen 
Staares anzeigte. Linkerseits war inzwischen der Licht- 
schein noch unbestimmter geworden, als er bis dahin 
schon gewesen war, der Bulbus war hart geworden, ein 
Umstand, der mich dazu bestimmte, der Patientin die 
Ausführung einer Iridotomie vorzuschlagen, wobei ich 
die g eheime Hoffnung nährte, dass vielleicht doch noch 
ein dürftiges Sehvermögen zu erzielen sei. Die Operation, 
im Spätherbst ausgeführt, bewirkte die vollständige 
Durchschneidung des oberen Segmentes von der einen 
Peripherie bis zur anderen, die Schnittöffnung präsen- 
tirte sich ganz schwarz, aber das Gewebe war durch die 
vorausgegangene Infiltration derartig starr geworden, 
dass die beiden Schnittränder sich wieder fest aneinander 
legten und nur eine Herabsetzung des intraocularen 
Druckes erzielten. Bemerkenswerth anzuführen ist, dass 
die gesammte Hautoberfläche sich während der ganzen 
Dauer der Krankheit durch ungemeine Trockenheit und 
Sprödigkeit auszeichnete und beide sonst gut ent- 
wickelten Brustdrüsen fast um die Hälfte schwanden. 
Die Ursachen, welche allgemein und allenthalben als 



Behandlung des Merk Basedow ii. 



75 



veranlassende Momente für das Entstehen von Morbus 
Basedowii angegeben, lassen sich meistens auf die rem 
psychische Einwirkung der Furcht und des Schreckens 
zurückführen. Ein andermal wird ein rasches Versiegen 
der Menstruation angeschuldigt. In einem zweiten Falle 
wurde das Entstehen auf ein excessives Nasenbluten, in 
einem dritten auf den Eintritt eines Abortus zurück- 
geführt. Der Quaglino'sche Fall beweist den Einfluss der 
Genitalvorgänge. Dass eine Schwellung des Halses bei 
Mädchen oder jungen Frauen zu den Geschlechtsfunctionen 
eine Beziehung habe, ist noch heutzutage ein weit- 
verbreiteter Glaube in Südfrankreich und Italien. Selbst 
dem Alterthume war eine solche Vorstellung nicht fremd. 
„Immerhin bleibt es merkwürdig", sagt Hyrtl, „dass 
schon in den Klassikern der Sitte gedacht wurde, den 
Hals einer Neuvermählten mit einem Faden zu messen. " 
Non illani genitrix orienti luce revisens 
Hesterno poterit Collum circumdare filo, 

wird von ihm als eine Belegstelle aus den Gedichten des 
Gatull angeführt. Ob die hochgradige Blutarmut!», welche 
so häufig als Begleiterscheinung des Leidens auftritt, als 
Ursache oder als Wirkung aufzufassen ist, bleibt dahin- 
gestellt. Immerhin wird diesem Symptome therapeutisch 
Kechnung zu tragen sein. Alle denkbaren Nervina 
sind in Anwendung gezogen, ohne dass ein einziges den 
darauf gesetzten Hoffnungen und Erwartungen ent- 
sprochen hat. Ich für meine Person habe ein besonderes 
Vertrauen zu der Tinct. veratri viridis, die ich 3 mal 
des Tages zu 3 — 4 Tropfen in einem Esslöffel voll Wasser 
nehmen lasse. Nach meinen bisherigen Erfahrungen 
scheint mir das Mittel äusserst zuverlässig. Es gehört 
sich zu seiner Anwendung eine ungemeine Consequenz; 
in einzelnen Fällen habe ich es 3 Jahre und noch länger 
mit ungemeinem Erfolg gebraucht. Hirt sah glänzende 



76 



Behandlung des Morl). BasedowiL 



Erfolge bei der systematischen Anwendung der Galvani- 
sation des Halses, wobei die Kathode am Unterkiefer- 
wirbel, die Anode an den unteren Halswirbeln (der ent- 
gegengesetzten Seite) applicirt, aber der Strom doch nur 
sehwaoh und nur kurze Zeit, 1 — l'/s Minuten angewendet 
wird; oft schon nach 10 — 15, meist nach 20 derartigen 
Sitzungen gehen die Symptome stetig zurück und die sö 
erzielte Besserung kann Jahre lang anhalten. 

Ob dieselbe auf den Yagus oder den Sympathicus 
zurückzuführen ist, lässt sich, da bei der Halsgalvani- 
sation beide Nerven getroffen werden, nicht entscheiden. 

Die Genesis des Processes wurde früher auf eine 
Wirkung des Sympathicus zurückgeführt, während in 
neuerer Zeit Sattler eine circumscripte Läsion im Be- 
reich des Vaguscentrums angenommen hat. Jede Theorie 
erklärt einzelne Symptome, lässt uns aber über den noto- 
rischen Sitz der Krankheit noch immer im Unklaren. 

Die galvanokaustiscke Zerstörung der Schwell- 
gewölbe der Nase und das augenblickliche Schwinden 
des Exophthalmus auf der operirten Seite lässt es in 
allen Fällen räthlich erscheinen, eine rhinoscopische Unter- 
suchung vorzunehmen. 



VIII. Die Einwirkung der Schwangerschaft und 
des Wochenbetts. 



Die Störungen des Gesichts, deren erste Ursache auf 
eine noch bestehende oder eben überstandene Schwanger- 
schaft zurückgeführt werden können, sind ausserordentlich 
selten. Wenn man behauptet, dass Ermüdung der 
Accommodation und muskuläre Asthenopie Theilerschei- 
nungen eines solchen Zustandes sind, so liegt darin eine 
gewaltige Uebertreibung. Meine eigenen Beobachtungen 
haben mir den Beweis dafür nicht erbracht. Allerdings 
sieht man solche Erscheinungen bei zarten Frauen, die 
den Tag über, auf der Chaise-longue liegend, in einem 
durch dichte Vorhänge dunkel gehaltenen Zimmer vom 
Morgen bis zum Abend mit Leetüre beschäftigt zubringen. 
Ich finde die Ursache der angegebenen Störung in den 
allgemeinen Schädlichkeitseinwirkungen, nicht in der 
Gravidität als solcher, denn bei robusten gesunden Frauen 
ist mir die Störung niemals aufgefallen. Ebenso verhält 
es sich mit dem Eintreten von centralem oder para- 
centralem Scotom. Wäre es mir gestattet, aus meinen 
Kranken- Journalen die darauf bezüglichen Fälle zusammen- 
zustellen, so würde sich kein Unterschied ergeben in der 
Häufigkeit des Vorkommens bei Schwangeren und Nicht- 
Schwangeren. Wenn Nagel einen Fall von Blutaustritt 
in den Centraltheil der Netzhaut anführt, so beweist die 
Seltenheit dieses Vorkommens, dass es sich nur *um ein 



78 



Sttmeralopie. 



vereinzeltes Ereignis* handelt, das nicht als Theil- 
ersoheinung eines allgemeinen Zustandes aufgefasst werden 
darf. Blutungen in den Glaskörpern habe ich unter 
diesen Umständen niemals zu Gesicht bekommen, wohl 
aber wiederholt recidivirende Glaskörperblutungen hei 
jungen kräftigen Leuten gesehen. Es ist also voll- 
kommen begründet, wenn ein constanter Zusammenhang 
dieses Leidens vor der Hand verneint werden muss. Es 
gibt aber eine andere, höchst selten vorkommende 
Störung in den letzten Monaten der Schwangerschaft, das 
ist der Eintritt von Hämeralopie mit peripherischer Ein- 
engung des Gesichtsfeldes. Die Erscheinung schwindet 
trotz aller Beunruhigung für die Patientin in der Regel 
nach der Entbindung unter dem Einfluss einer kräftigen 
Diät ganz von selbst. Nach dieser Richtung hin scheint 
sie mir auf gleicher Stufe mit den hämeralopischen Be- 
schwerden zu stehen, die mit dem Auftreten des Scorbuts 
verbunden sind. Wie dort die allgemeine Erschöpfung 
und ungenügende Zufuhr frischer Nahrungsmittel ange- 
schuldigt werden, so lässt sich auch hier ein Zustand 
von Hyderämie des Blutes die Eiweissverluste des 
Organismus und die fortgesetzte Ausscheidung von Blut- 
salzen dafür verantwortlich machen. Von grösserer Trag- 
weite ist der Einfluss einer Nierenentzündung, die in der 
Regel auf eine mechanische Stauung zurückzuführen ist. 
Diesen Zustand habe ich trotz enormem Eiweissgehalt 
im Urin in den letzten Monaten der Schwangerschaft 
beobachtet, ohne dass sich dabei die geringste Alteration 
des Gesichts, wenn auch nur vorübergehend, eingestellt 
hätte. Der Gebrauch des Neuenahrer Sprudels bewirkte 
unter solchen Umständen nach der Entbindung eine voll- 
ständige Heilung. Schlimm ergeht es indessen einer 
Patientin, die eine parenchymatöse Erkrankung der Nieren 
aufweist. Es ist bekannt, dass diese ihre relative Ein- 



Retinitis albuminurica. 



79 



Wirkung auf das Auge durch den Eintritt von Netzhaut- 
entzündung manifestirt. In der Kogel sind beide Augen, 
wenngleich in verschiedenem Grade, befallen. Blutaus- 
trittc und Plaquesbildungen in der Netzhaut vervoll- 
ständigen das Bild derKetinitis albuminurica. 
In einzelnen Fällen tritt als Complication Netzhaut- 
ablösung hinzu. Trotz dieser desperativen Verhältnisse 
wird von einzelnen Beobachtern eine vollständige Aus- 
gleichung der Störung nach der Entbindung, selbst eine 
Wiederanlöthung der abgelösten Netzhaut constatirt. Ich 
selbst habe nach dieser Richtung hin keine Erfahrung, 
denn meines Wissens ist mir ein solcher Fall bisher 
niemals vorgekommen. Von vorneherein muss jedem 
Sachverständigen einleuchtend sein, dass die zerstörende 
"Wirkung dieser Processe auf das Auge mit dem Eintritt 
der Entbindung nicht ihren Abschluss findet, sondern in 
seinen Folgeerscheinungen auch noch in die Zeit des 
Wochenbettes hinüberreicht. Es zeigt sich auf dem 
Boden derselben Erscheinung eine Complication, die ur- 
plötzlich ohne alle Vorboten über eine solche Patientin 
hereinbricht. Ich meine die kurz vor oder nach der 
Entbindung auftretende Urämie, veranlasst durch die 
Retention von kohlensaurem Ammoniak, dem Zersetzungs- 
product des Harnstoffes im Blut. Unter heftigem Kopf- 
weh, dem zuweilen ein Flimmern vorausgeht, und 
vvüthendeni Erbrechen zeigt sich, bei völlig erweiterten 
Pupillen, plötzlich eine totale Erblindung auf beiden 
Augen, begleitet von Convulsionen, die mit Bewusstlosig- 
keit und comatösen Erscheinungen einhergehen. Glück- 
licherweise dauert dieser Zustand nur wenige Tage, um 
dann in der Regel einer völligen Genesung Platz zu 
machen. Weniger gefährlich ist das Auftreten eclamp- 
tischer Anfälle einer Reflexwirkung der sensiblen Nerven 
bei jungen zarten Frauen, wenn die Geburt sich zu lange 



80 



Septische Chorioiditis. 



hinzieht, oder aher operative Eingriffe, die an und für 
sich nur unbedeutend zu Hein brauchen, eine Scarification 
oder intrauterine Injectionen vorausgingen. Die Erblin- 
dung erklärt sich aus der colossalen Anaemie dea Ge- 
hirns, die unter solchen Umständen innner vorliegt. Als 
Ursache der im Wochenbett sich zeigenden Arnbliopien 
werden kleine Embolien angeschuldigt. In der Regel ist 
ihr Auftreten und die dadurch gesetzte Störung vorüber- 
gehend, bewirken nur dann eine bleibende Erblindung, 
wenn der Sitz des Embolus die Central arterie der Netz- 
haut ist. Zahlreiche Blutungen auf der Netzhaut werden 
von Litten als Theilerscheinung der Embolie angesehen. 
Verhängnissvoll unter allen Umständen für das Auge ist 
die 2 bis 3 Wochen nach der Entbindung auftretende 
septische Chorioiditis. Plötzlich röthet sich das Auge, 
alle Gegenstände scheinen der Patientin wie umflort, die 
Pupille wird weit und ein trüber Reflex des Glaskörpers 
fällt dem Beobachter auf. Dann treten rasch Exsudat- 
bildungen im Gewebe der Iris auf mit Hypopionbildung. 
Die sich rasch einstellende Chemosis und das Hervor- 
drängen des in seiner Beweglichkeit behinderten Bulbus 
zeigen dem erfahrenen Arzt an, dass das Auge rettungs- 
los verloren ist. Durchbruch der Sclera und Verschwärung 
der Hornhaut führen es bald einer völligen Destruction 
entgegen. 

Den Bemerkungen, welche Hirschberg in 
Band IX des Archivs über die metastatisch auftretende 
Chorioiditis nach puerperaler septischer Embolie ge- 
macht hat, lässt sich wohl kaum etwas Neues hinzufügen, 
denn Alles, was über den Krankheitsprocess nur gesagt 
werden kann, ist dort nach einem Vortrag in erschöpfender 
Vollständigkeit wiedergegeben, den der Verfasser bereits 
am 9. December 1879 in der Berliner Gesellschaft für 
Geburtshülfe gehalten hatte. Alle Fälle, sechs an der 



Koptische Chorioiditis. 



81 



Zahl, die H i r s c h b e r g beobachtete, sind der Grund- 
krankheit erlegen, auch wenn zur Zeit der Augen- 
erkrankung die allgemeinen Erscheinungen noch nicht so 
bedrohlich aussahen; ebenso war in den sechs von ihm 
angezogenen Beobachtungen von Hall und H ig ging - 
botom der Ausgang ein tödtlicher. Nur in einem Falle, 
wo nach einer Beobachtung von E. Martin in Folge 
von künstlicher Nachgeburtlösung Metrophlebitis sich ent- 
wickelte, genas die Patientin unter Verlust eines -Auges. 
Meine Beobachtungen stimmen im grossen Ganzen damit 
überein. Ich bin nicht in der Lage, angeben zu können, 
wie viele Fälle ich bis jetzt gesehen habe ; dreier Frauen 
entsinne ich mich, die sich mir in der 7. und 8. Woche 
ihres Erkrankens vorstellten, alle mit doppelseitiger Er- 
blindung und eine einzige mit einseitiger Erblindung. 
Eine Patientin verlor unter meiner Beobachtung beide 
Augen. Mit Ausnahme des letzten Falles haben sich 
Alle mir nur consultando vorgestellt, zu einer Zeit, als 
die gefährlichsten Störungen des Allgemeinbefindens schon 
rückgängig waren; nichtsdestoweniger würde ich nicht 
zu behaupten wagen, ob die Consecutivstörungen doch 
nicht schliesslich zu einem letalen Ausgang geführt haben. 
Die Frage wird endgültig nur in den grossen Verkehrs- 
centren zu entscheiden sein, wo es möglich ist, ein 
grosses Beobachtungsmaterial zu vereinen, das eine^ ge- 
naue Controle des Leidens von seinem ersten Beginne 
bis zu seinem vollständigen Erlöschen gestattet. Die 
Kliniken in den Provinzialstädten vermögen die prog- 
nostische Frage desshalb nicht definitiv zu lösen, weil 
die Patientin den consultirenden Arzt wieder verlässt, 
sobald sie aus seinem Munde die Unheilbarkeit ihres 
Leidens vernommen hat. Die embolische Natur des 
Processes wurde bereits vor zwei Jahrzehnten durch 
V i r c h o w nachgewiesen und durch H e i b e r g und 

Mooren, GesichtBstürungen und Ulerinlelden. Zweite Aull. 6 



82 



Schwächender Biofluss <1«h Säugen«. 



Litton die Anwesenheit von Bacterien als Ursache der 
Embolie festgestellt. 

Die schwächenden Einflüsse der Gravidität des 
Wochenbetts erfahren für gewöhnlich noch eine Steigerung 
durch übertrieben lange fortgesetztes Säugen des Kindes. 
In diesem Sinne ist der Boden geradezu vorbereitet für 
das Auftreten accommodativer und muskulärer Asthenopie. 
Auf gleichem Grunde erhebt sich ein- und doppelseitige 
Neuritis optica bis zur völligen Erblindung. Am Nieder] Hein 
und in den IndustriebezirkenWestphalens kommt diese Form 
ausserordentlich häufig bei zu lange fortgesetztem Säuge- 
geschäft vor. In einer nicht geringen Zahl von Fällen ist mit 
derartigen Erschöpfungszuständen die Bildung von grauem 
Staar verbunden. Schon früher ') konnte ich das Resultat 
meiner Erfahrungen hinsichtlich dieses Punktes dahin 
zusammenfassen, dass in der Regel nur eine unbedeutende 
oder höchst mässige Kernbildung vorhanden sei, -wobei 
die Linsensubstanz selbst eine halb weiche, halb feste 
Umwandlung erlitten, die Farbe immer einen Strich in's 
Bläulichweisse habe. Das Zusammentreffen dieser Er- 
scheinungen ist ein so constantes, dass ich mich gewöhnt 
habe, darin den Ausdruck des Marasmus zu sehen. Nach 
erschöpfenden Metrorrhagien, nach vielen Kindbetten bei 
dürftiger Ernährung, nach deprimirenden geistigen Ein- 
flüssen tritt diese Form auf, meistens schon in die 
mittleren Lebensjahre hineinfallend. Ebenso bei jungen 
Frauen, die während der Lactationsperiode von irgend 
einer vorübergehenden Transsudaten des Glaskörpers be- 
fallen wurden, und zwar hier meist mit der Eigenthüm- 
lichkeit, dass die Trübung der Linse am hinteren Pole 
beginnt. Seit jenem Zeitpunkte hatte ich Gelegenheit, 



1 ) Ophthalmiatrische Beobachtungen. Berlin 1862, pag. 212, 



Cataraofcbildung und Sohwaohsichtigkeit. 



88 



den Kreis meiner Erfahrungen nach der Richtung- hin 
bedeutend zu erweitern und heute inuss ich mit noch 
grösserer Bestimmtheit als damals die Thatsache hervor- 
heben, dass der Verlust an Eiweissbestandtheilen zu 
einem hydrämischen Zustande führen müsse, der nicht 
bloss die Bildung des Staares veranlasst, sondern auch 
auf seine Consistenz einwirkt. Es ist eine Alltags- 
ei"scheinung, unter solchen Verhältnissen bei Staarope- 
rationen eine mehr oder minder grosse Verflüssigung des 
Glaskörpers zu beobachten. Gerade solche Augen fordern 
bei der Nachbehandlung zur grössten Vorsicht auf, damit 
nicht das unerwartete Auftreten von Chorioiditis das Ope- 
rationsresultat in Frage stellt. 

Hat der Organismus durch continuirliche oder rapid 
eingeleitete Eiweissverluste in Folge von excessiven 
Blutungen eine gewisse Grenze der Existenzbedingungen 
überschritten, so ist es nichts Seltenes, constatiren zu 
müssen, dass die einmal hervorgerufene Schwachsichtig- 
keit nicht bloss jeder eingeschlagenen Medication unzu- 
gänglich bleibt, sondern die vielleicht in der ersten Vor- 
stellung nur wenig ausgesprochenen atrophischen Ver- 
änderungen der Sehnervensubstanz sich zur Höhe einer 
completen Atrophie weiter entwickeln und so das Auge 
unaufhaltsam der Amaurose entgegenführen. Ich habe 
gesehen, dass solche Processe sich noch nach Jahren 
weiter entwickelten, nachdem die primär gesetzte Störung 
stationär geworden schien. Ein solches Ereigniss ist 
besonders dort zu suchen, wo die Continuität schwächender 
Einflüsse, seien sie durch körperliche, moralische oder 
sociale Leiden geschaffen, die Action des Herzens herab- 
setzen und damit die Zufuhr des arteriellen Blutes be- 
hindert. 

Anämie des Gehirns und daran sich anreihende Seh- 
störungen treten auch ohne Blutverlust nach allen Processen 

6* 



84 



Anämie des Gehirns. 



ein, die gleichzeitig einen reizenden EinHuss auf dieContenta 
der Bauchhöhle ausüben können. Dr. Fleischhauer, 
dein eine grosse Erfahrung auf pathologisch-anatomischem 
Gebiete zur Seite steht, erzählte mir einmal gesprächs- 
weise, dass er bei Sectionen häufig als Todesursache durch 
Anämie des Gehirns die Anwesenheit eines L i 1 1 r e'schen 
Bruches constatirt habe. In einem anderen Falle habe 
ein flaches Carcinom der hinteren Uteruswand vorgelegen. 
Einer nothwcndig gewordenen Untersuchung desOvariums 
und Rectums per annum sei bereits 3 Tage später der 
Tod gefolgt. Eine genaue Section erwies, dass Patientin 
an einer colossalen Anämie des Gehirns rapide zu Grunde 
gegangen war. In den Beckenorganen dagegen bestand 
eine ungewöhnlich grosse Hyperämie aller Theile, die nur 
durch den mechanischen Reiz der Untersuchung veran- 
lasst sein konnte. Nirgends zeigte sich eine Verletzung 
und ebensowenig durfte an die Möglichkeit einer Septi- 
cämie gedacht werden, denn mit allen nur denkbaren 
Cautelen der Desinfection war die Untersuchung vor- 
genommen worden. 

Mit diesen Thatsachen stimmen auffallend jene 
ophthalmoscopischen Details, die Litten bei der Ab- 
wesenheit von Carcinoma uteri beobachtet und in Nr. 1 
der Berliner klinischen Wochenschrift 1881 veröffent- 
licht hat. 

Die Gefässe sind nach diesem Beobachter so ausser- 
ordentlich klein, dass Arterien und Yenen nicht von- 
einander zu unterscheiden sind. Dabei Fehlen des Reflex- 
streifens und der weissen Farbe des Opticus, Neuritis 
optica etc. etc., wie es überhaupt bei Anämie constatirt 
wird. Dieselben Veränderungen zeigen sich bei Carcinoma 
uteri. Die Veränderung des Augenhintergrundes ist durch: 
aus unabhängig von dem Grade und der Ausdehnung 
der carcinomatösen Entartung, sondern lediglich bedingt 



Blutverluste. 



85 



durch die Intensität des anämischen Processes. Als Be- 
weis führt Litten an, dass trotz totaler Degeneration 
des Uterus die Veränderungen des Augenhintergrundes 
bis zuletzt fehlen könnten, während sie in anderen vor- 
handen seien, wo nur der Cervix ergriffen ist. Deni- 
gemäss seien die Augenveränderungen nur da zu erwarten, 
wo die Anämie hochgradig geworden sei. Häufige Blut- 
ungen wirkten nur beschleunigend auf den Verlauf der 
Anämie, doch konnte auch ihre hochgradige Anwesenheit 
bei dem Fehlen von Blutungen beobachtet werden. 

Bemerkenswerth ist, dass in allen den durch grossen 
Blutverlust ausgesetzten Störungen seitens der Netzhaut 
und des Sehnerven sich niemals Glaskörpertrübungen 
einstellen. Wo sie auftraten, waren sie entweder aus 
einer retinalen Blutung hervorgegangen, oder noch häufiger 
das Product einer Circulationsstörung des hinteren Uveal- 
abschnittes. 

Während die Erschöpfung des Organismus durch 
übertriebene Lactation ihren destruirenden Einfluss auf 
das Gesicht in einer langsamen Weise bewirkt, gibt es 
eine andere, allerdings acut auftretende, aber gewisser- 
massen latent verlaufende Form von Neuro-Retinitis, die 
für gewöhnlich als Sehnervenatrophie nach Hämatemesis 
bezeichnet wird. Es ist wahr, die Form differirt in dem 
Sinne, als die localen Symptome an der Sehnerveninsertion 
und Netzhaut kaum noch an das Bild der Neuro -Retinitis 
erinnern, und doch ist das Wesen des Processes genau 
dasselbe. Die rapiden Blutverluste sind das bedingende 
Element, ihr Entstehen aus einem Ulcus ventriculi etwas 
rein Zufälliges, nach Abortus und Metrorrhagie treten sie 
eben so häufig auf und gehören also nur in Bezug auf 
dieses Causalverhältniss hierher. Die ungemein geringe, 
fast gänzlich fehlende Füllung der Gefässe setzt die 
Retinalfunctionen so rapid herab, dass der Eintritt der 



86 



Blutverluste. 



Erblindung beinahe gleichzeitig oder doch nur kurz mich 
dem Blutverluste erfolgt. Sieht man einen solchen Fall 
einige Stunden nach der Catastrophe, dann ist eine leise 
Andeutung seröser Transsudaten, die aber nur wenig 
die Opticusgrenze überschreitet, zu constatiren; noch 
seltener und nur ganz ausnahmsweise sieht man im Be- 
reiche dieser getrübten Zone kleine Blutaustritte. Damit 
steht in vollem Einklänge die anatomisch-pathologische 
Thatsache, dass man wenige Stunden nach excessiven 
Blutverlusten neben dem collateralen Oedem den Austritt 
rother und weisser Blutkörperchen beobachtet hat. 
Präsentirt sich Patientin einige Tage später, so ist jede 
Transsudaten geschwunden ; wenn nicht die zufällige An- 
wesenheit von einigen Blutpünktchen Licht auf das 
vorausgegangene Ereigniss werfen sollte, dann würde 
kein Anhaltspunkt mehr existiren, um die Pathogenese 
richtig zu deuten. Nichts ist vorhanden, als ein weisslich 
verfärbter Opticus mit ungemein dünnen Ketinalgefässen, 
die kaum noch einen Unterschied ihres arteriellen und 
venösen Characters erkennen lassen. Es scheint, dass 
die Abwesenheit einer retinalen Circulation für ein paar 
Tage schon genügend ist, um die Gefässe für immer 
impermeabel zu machen, denn ohne diese Interpretation 
bliebe es unverständlich, dass das Gesicht für immer 
verloren geht. In einigen Fällen ist die Amaurose nicht 
von vornherein vollständig, das Gesicht hält sich noch 
für einige Tage, um dann vor und nach zu erlöschen. 
Li anderen Fällen sind die gesetzten atrophischen Ver- 
änderungen des Opticus nicht gross genug, um von vorn- 
herein zur Erblindung zu führen, aber immer gross 
genug, um das aus dem Schiffbruch gerettete dürftige 
Sehvermögen durch fortschreitende Atrophie des Seh- 
nerven der absoluten Amaurose entgegenzuführen. Immer- 
hin mögen bei diesen pathogenetischen Vorgängen die 



Blutverluste. 



ST 



Grösse des Blutverlusts, aber auch nicht minder die 
Grösse der individuellen Widerstandsfähigkeit einen ge- 
wissen Antheil an der Gestaltung der functionellen Störung 
des Gesichtes haben, denn wirft man die individuelle 
Widerstandsfähigkeit nicht mit in die Wagschale, dann 
würde es durchaus unverständlich bleiben, warum die 
grossen Blutverluste nicht überall gleich grosse Conse- 
quenzen für die Destruction des Sehvermögens haben. 
Unbestreitbar ist, dass kein' grosser Blutverlust, gleichviel 
durch welche Verhältnisse bedingt er auftritt, ohne Folgen 
für das Gesicht bleibt. Bald zeigen sich die Störungen 
nur in der einfachen Form accommodativer oder muscu- 
lärer Asthenopie, bald tritt eine mehr oder minder um- 
fangreiche Einengung der Accommodationsbreite ein, 
dann macht sich wieder eine beträchtliche Herabsetzung 
der Sehschärfe bemerkbar, mit bald stationärem, bald 
progressivem Character, einmal ohne, ein anderes Mal 
mit hämeralopischen Beschwerden gepaart. Ophthalmo- 
scopisch gewahrt man in einer Reihe von Fällen eine 
Verbreiterung der Netzhautgefässe durch vasomotorische 
Einflüsse, während sie in einer anderen Reihe sich 
ausserordentlich dünn mit leichter Verfärbung der Seh- 
nerveninsertion präsentiren. Es zeigen sich mit einem 
Worte alle nur denkbaren Abstufungen der gestörten 
Netzhautenergie von der einfachen, sich vielleicht rasch 
wieder ausgleichenden Ermüdung bis zur höchsten Herab- 
setzung der centralen Sehschärfe mit ihrem materiellen 
Substrat einer beginnenden Sehnervenatrophie. Constant 
ist, dass eine vorhandene Myopie, möge sie in einfacher 
Form auftreten oder durch Sclerectasia bedingt sein, 
immer und überall durch die bestehende Anämie den 
Anstoss zu einer rascheren Weiterentwickelung erlangt. 



IX. Das Klimacterium der Frauen. 



Das Versiegen der monatlichen Menstrualblutung 
vollzieht sich in unseren Breitegraden zwischen dem 
40. bis 50. Lebensjahre. Im Durchschnitt sind 2 bis 
3 Jahre bis zum Ablaufen dieses Zeitraums erforderlich. 
Je allmählicher und langsamer sich der Process vollzieht, 
um so wohler und behaglicher fühlt sich die Frau, 
Während das plötzliche Eintreten dieses Zustandes gefahr- 
bringende Erscheinungen in dem allgemeinen Circulations- 
verhältnisse und im Gesammtnervensystem nach sich zieht. 
Die Eöthe des Gesichts, welche sich unter den Er- 
scheinungen der fliegenden Hitze so gerne einstellt, die 
Neigung zu Nasenbluten, die Eingenommenheit des Kopfes, 
der Eintritt von Schlaflosigkeit, Ohrensausen und eine 
Disposition zu acutem und allgemeinem Schweiss sind die 
bekannten Symptome dieses Zustandes. Die Unregel- 
mässigkeit der Circulation macht sich, wie wir im Ver- 
laufe dieser Darstellung wiederholt gesehen haben, auch 
bei den verschiedenen Gebilden des Auges geltend. Wir 
kommen nicht darauf zurück, um Wiederholungen mög- 
lichst zu vermeiden. 

Dem Auftreten von Iritis muss nicht überall eine 
Anomalie der Menstruation zu Grunde gelegt werden, viel r 
leicht noch öfter sind äussere Schädlichkeitseinwirkungen 
oder allgemeine dyscrasische Momente die Ursache des 
primären Entstehens dieser Entzündung, aber immerhin 



Schleichende Chorioiditis. 



89 



lieben es diese Entzündungsformen zur Zeit des Klimac- 
teriums den Character der Irido-Chorioiditis anzunehmen. 

Blutaustritte in die vordere Kammer, selbst in die 
Netzhaut, bemerkt man unter Umständen. Die Geneigt- 
heit dieser Blutungen, Anlass zum Auftreten von glau- 
com. Hämorrhagicismus abzugeben, ist mir niemals auf- 
gefallen. 

Schleichende Chorioiditis stellt sich mit 
einer gewissen Vorliebe bei Frauen zur Zeit der klimac- 
terischen Jahre oder kurz nach Beginn der Involution 
ein, so wie bei jenen Zuständen des Uterus, die ent- 
weder aus einer ungenügenden Kückbildung nach dem 
Puerperium oder aus einer den entschiedensten entzünd- 
lichen Processen entwachsenen Hyperplasie seiner Wan- 
dungen hervorgehen. Sie sind unter dem Bilde der 
chronischen Metritis allgemein bekannt. Dabei ist der 
Uterus in all seinen Theilen, sowohl der Länge wie der 
Dicke seiner Wandungen nach, vergrössert und fast immer 
empfindlich auf Druck. Die Vaginalportion erweist sich 
bald klein, bald vergrössert; einmal weich, das andere 
Mal wieder hart und aufgewulstet. Ist der Cervixcanal 
sehr enge, dann ist die Menstruation sehr spärlich, immer 
von grossen Schmerzen begleitet und von einer stetig 
zunehmenden Ausdehnung des Uterusparenchyms gefolgt. 
Unter anderen Umständen ist die uterinale Hyperplasie 
jedesmal von den intensivsten Blutverlusten in mehr oder 
minder unregelmässigen Intervallen begleitet. Die An- 
wesenheit dieser Erscheinungen deutet immer auf vor- 
handene grosse circulatorische Hindernisse in dem Uterus* 
parenehym. Allen diesen Processen ist, a priori der 
Stempel des langsamen Verlaufes aufgedrückt, sowohl 
hinsichtlich der uterinalen, wie der ocularen Symptome. 
Absträhirt man von jenen Erscheinungen der fliegenden 
Hitze, die sich ganz besonders gerne in den klimac- 



90 



GttauoomatÖBe Proc$8se, 



tensobon Jahren einstellen und immer auf vasomotorische 
Erregungszustände zurückzuführen sind, so deutet Alles 
darauf hin, dass diese Störungen nur die Consequenz von 
Stauungsanomalien sind. Die Genesis des Uterinleidens 
an und für sieh, die Langsamkeit, mit der sich die 
daraus resultirenden Oonsecutiversoheinungen entwickeln, 
die ausserordentlich lange Dauer, welche ihre Entwick- 
lung und Ausgleichung beansprucht, die allgemeinen 
Störungen der Circulation und des subjectiven Befindens 
— Alles spricht für eine solche Annahme. So darf es 
denn auch nicht befremden, dass gerade diese Form von 
Chorioiditis conform den klinischen Beobachtungen eine 
so grosse Geneigtheit hat, eben in den klimacterischen 
Jahren einen glaueomatösen Character anzunehmen. Be- 
reits vor vielen Jahren war mir dieser pathogenetische 
Entwickelungsgang aufgefallen. 1 ) Ich bemerkte damals, 
dass trotz grosser Härte des Bulbus die Excavation 
manchmal kaum angedeutet sei, dabei aber immer der 
Augenhintergrund, besonders die Umgebung des Opticus, 
ein rothes verwaschenes Aussehen zeige und der Glas- 
körper fast nicht anders als mit feinen diffusen Trübungen 
durchsetzt erscheine, und dass, correspondirend diesen 
Verhältnissen, eine grosse Abnahme des Sehvermögens 
mit peripherischer Einengung des Gesichtsfeldes einher- 
gehe. Je früher die Iridectomie unter solchen Verhält- 
nissen ausgeführt wird, um so sicherer darf man auf 
eine Sistirung des Processes rechnen. Wenn ich früher 
mit meiner Anschauung vielleicht vereinzelt dastand, so 
wird sie jetzt von vielen Fachgenossen, unter denen ich 
nur Mauthner nennen will, getheilt. In den chorioi- 
dealen Stauungsanomalien haben wir eben nichts Anderes 
zu sehen, als das, was wir nach lange fortgesetzter 



1 ) Ophtlmlinologisclie Mittheilungen. Berlin 1874, pag. 53. 



Glauoomatöse Processe. 



91 



Atropininstillation beobachten, wenn in Folge der ein- 
tretenden, vasomotorischen Gefässlähmung eine Erhöhung 
des intraocularen Druckes eintritt, nur mit dem Unter- 
schiede, dass die geschaffene Störung in dem einen 
Falle den Character der Chronicität, in dem anderen den 
der Acuität trägt, während das Endresultat unter den 
.scheinbar so verschiedenen Verhältnissen für das Auge 
doch dasselbe ist. 

Weiterhin sah ich zu wiederholten Malen, ähnliche 
Erscheinungen unter dem Einflüsse einer durch Contusio 
bulbi geschaffenen Gefässparalyse auftreten und in drei 
Fällen sogar nach Commotio cerebri. Hier wie überall 
war die durch die Schädlichkeitseinwirkung verlangsamte 
Stromgeschwindigkeit das bedingende Element für das 
Zustandekommen der Druckerhöhung, wenngleich aus- 
drücklich zugegeben werden muss, dass die Summe des 
scleralen Widerstandes ihren Antheil haben wird, um das 
Bild der glaucomatösen Chorioiditis vollständig zu machen. 
Es kann nicht genug hervorgehoben werden, dass in allen 
diesen Fällen eine gewisse Trägheit der Pupillarbewegung 
einhergeht, meist mit einem Grössendurchmesser, der auf 
jeden Beobachter den Eindruck des Abnormen machen 
wird. Als ich diese Yerhältnisse noch nicht genügend 
genug würdigen gelernt hatte, Hess ich mich durch die 
Abwesenheit der Excavation nicht selten bestimmen, von 
der Operation abzustehen und glaubte meine Befürch- 
tungen sogar übertrieben, wenn ich unter dem Einfluss 
des Heurteloup und einer durch die Individualität des 
Falles bedingten Allgemeinbehandlung eine umfangreiche 
Besserung quoad visum erzielte. Wie war ich aber er- 
staunt, wenn ich dann bei demselben Patienten einige 
Monate oder ein paar Jahre später eine vollständige Ex- 
cavation mit hochgradigem Verfall der Sehschärfe con- 
statiren musste. So habe ich mich denn gewöhnt, unter 



92 



GlauoomatdBe 1'rooesBe. 



Bolchen Verhältnissen zu einer sofortigen Ausführung der 
Iridectomie zu schreiten, einmal, weil mit der Ausführung 
der Operation die dcletärcn Wirkungen für das Gesicht 
aufhören, dann auch weil sie eine Reihe von quälenden 
Symptomen dos Allgemeinbefindens wie mit einem Schlage 
beseitigt, die ich früher niemals gewagt haben würde, 
in irgend einen Zusammenhang mit der Druckerhöhung 
zu bringen ; ich meine jene Störungen, die sich unter der 
Form von intercurrenten Occipitalschmerzen,vonCardialgie, 
dispnoetischen Anfällen, Schmerzen an einzelnen Stellen 
der Wirbelsäule, selbst Blasenkrampf manifestiren. Es 
ist nicht möglich, a priori ein ursächliches Verhältniss 
zwischen der Gesichtsstörung und dem Allgemeinbefinden 
zu bestimmen, denn Keiner wird es wagen wollen, die 
Ausdehnung jener Nervenbahnen anzugeben, in deren 
Verlauf jene von uns nachher als Reflexerscheinungen 
gedeuteten Symptome zur Auslösung kommen. 

Bei einer 61 jährigen Dame aus Brüssel, mit einer • 
durch Sclero-Chorioiditis posterior bedingten Form von 
Myopie, die bis auf 1 /ö gestiegen war, hatte sich in der 
letzten Zeit, und zwar vom Eintritt der klimacterischen 
Jahre datirend, eine zunehmende Härte des Bulbus, die 
ohne irgend eine Spur von Excavation einherging, ein- 
gestellt; die Sehschärfe für die Nähe war intact, nur 
zeigte sich eine allmählich zunehmende concentrische Ein- 
engung des Gesichtsfeldes, verbunden mit der Wahr- 
nehmung von Farbenkränzen um das Licht herum. Diese 
letzteren Erscheinungen hatten indessen keinen constanten 
Character, sie traten nur ab und zu und nie für längere 
Zeit auf. Damit ging eine steigende psychische Alte- 
ration in einem derartigen Grade einher, dass Patientin 
zu wiederholten Malen des Nachts im Bette sich auf- 
richtete, um die Gewissheit zu haben, dass sie noch 
immer den Schein der Lampe wahrnehmen könne und 



Glaucomntöse Processe. 



93 



noch nicht erblindet sei. Im Laufe des Tages wuchs 
die geistige Unruhe so, dass keine Ideenassociation denk- 
bar war, welche Patientin nicht mit der Möglichkeit des 
Erblindens in Verbindung brachte. Dabei zeigten sich 
die fulminantesten Reflexerregungen unter dem Bild der 
fliegenden Hitze und einer solchen Obscuration des Seh- 
feldes, als wäre das Zimmer mit Rauch gefüllt. Aus- 
drücklich sei hier bemerkt, dass der Glaskörper absolut 
keine Abnormität der Transparenz jemals dargeboten 
hätte ; das einzige beunruhigende Symptom für mich war 
die continuirliche Einengung des Gesichtsfeldes bei 
wachsender Härte des Bulbus. Patientin wurde desshalb 
am 5. Mai 1876 einer doppelseitigen Iridectomie unter- 
worfen. Das beiderseits bis auf 2 3 A Zoll eingeengte 
Gesichtsfeld zeigte schon bei der ersten Aufnahme nach 
10 Tagen eine so umfangreiche Erweiterung, dass ich 
selbst darüber erstaunt war und am Ende der dritten 
Woche war es soweit ausgeglichen, dass es als normal 
bezeichnet werden durfte. Was aber am meisten in die 
Waagschale fiel, war das vollständige Aufhören einer 
jeden psychischen Erregung. Diese Besserung hat bis 
zu ihrem im vorigen Jahre erfolgten Tode Stand gehalten. 



X. Therapeutische Bemerkungen. 



Alle Formen von Augenentzündungen, die dem 
Einfluss einer monatlichen Exacerbation sich zugänglich 
erweisen, verdienen eine ganz besondere Beachtung, weil 
sie eine besonders grosse Geneigtheit haben, chronisch 
zu werden. Die örtliche Behandlung besteht für gewöhn- 
lich in Lösungen mit lauem Wasser mit Zusatz von 
einigen Tropfen Aq. laurocer, sowie Enthaltung einer 
jeden Thätigkeit des Gesichts für die Dauer dieser Zeit. 
Es hängt von den constitutionellen Verhältnissen ab, ob 
man innerlich eine den Umständen entsprechende Medi- 
cation verordnet. Vor Allem sorge man für warme Püsse. 
Ist das Augenleiden Ausdruck eines klimacterischen Zu- 
standes, so passen am besten salinische Mittel, wie der 
Marienbader Kreuzbrunnen. Zeigen sich in diesem 
Alter Conjunctivitis und Blepharitis angularis, so appli- 
cirt man am besten des Abends eine austrocknende Salbe, 
aus 1,0 Ungt Zinci auf 5,0 Vaselin. 

Die Summe der Störungen, welche durch die 
monatliche -Blutwelle beeinflusst wird, dürfte im grossen 
Ganzen numerisch grösser sein, als diejenigen Formen, 
die aus dem directen Einfluss eines Uterinleidens hervor- 
gehen. Nur einige wenige Grundsätze, die für die Be- 
handlung massgebend sind, mögen, soweit sie im Ver- 
laufe der Darstellung nicht berührt wurden, hier Platz 
greifen. 



Therapeutische Bemerkungen. 



95 



Hinsichtlich der Behandlung der retinalen Hyper- 
ästhesie soll hier nur nochmals hervorgehoben werden, 
dass eine rationelle Therapie ein- für allemal unmöglich 
ist, wenn ihr nicht eine genaue Kenntniss des Causal- 
momentes zu Grunde gelegt ist. Die Entwicklung der 
Hyperästhesien aus Erkrankung der äusseren Genitalien, 
der Einfluss der Lage- und Formveränderungen des Uterus, 
die Anwesenheit entzündlicher Processe dieses Organs 
und seiner Umgebung, wie nicht weniger die Keizein- 
flüsse, welche die Ovarien auf das Auge ausüben, zeigen 
mit unwiderleglicher Evidenz, dass der Grundsatz der 
S alern it ani sehen Schule: „Qui bene distinguit, beuo 
medebitur" hier ganz besonders seine Geltung hat. Die 
locale Behandlung des Augenleidens wird in der Kegel 
keinen oder nur einen zweifelhaften palliativen Erfolg 
erzielen, wenn das bedingende Grundleiden nicht vorher 
oder gleichzeitig berücksichtigt ist. Sind aber die Be- 
dingungen zur Ausgleichung der sexuellen Störung einmal 
vorhanden oder durch die eingeleitete Behandlung ge- 
schaffen, dann erwies sich die Darreichung von Kai. 
bromat. mit Lupulin in Pillenform als ein ganz besonders 
werthvolles therapeutisches Agens. Es ist irrig, wenn 
vorausgesetzt wird, dass Lupulin nur beim männlichen 
Geschlecht vermindernd auf die sexuelle Erregbarkeit des 
Nervus pudendus einwirke, es entfaltet beim weiblichen 
Geschlecht einen ebenso nachhaltigen Erfolg. Ist das 
Ovarium der Ausgangspunkt der nervösen Eeflexerregung, 
so haben wir im Atropin ein ausgezeichnetes Mittel, die 
Erregbarkeit herabzusetzen. Die Dosis von 0,03 Atrop. 
sulph. mit Pulv. liquid. 2,5 und einem Zusatz von Succ. 
liquid, oder Extr. Tarax. zu 60 Pillen 3 mal täglich ein- 
zunehmen, erwies sich äusserst zweckmässig, Tinctura 
Gelsemini und Cannabis indica sind vortreffliche Adju- 
vantia. Liegen parametritische Processe zu Grunde, so 



96 



Therapeutische Bemerkungen. 



bedürfen sie einer ganz besonderen Berücksichtigung 
nach der Eigentümlichkeit des Falles, da sie es lieben, 
dem sich zugesellenden Accommodationskampf oder den 
durch sie bedingten Netzhauthyperästhesien einen ganz 
besonders hartnäckigen Character aufzudrücken. Bei den 
Formen von retinalen Hyperästhesien, die aus einer 
Schrumpfung nach abgelaufener Parametritis resultiren, 
hat sich eine jede Therapie bis jetzt als wirkungslos er- 
wiesen. Ist dagegen die Hyperästhesie das Product einer 
organischen Dysmenorrhoe, etwa aus einer Stenose des 
Orificium uteri resultirend, so ist die möglichst früh- 
zeitige operative Behandlung des Grundleidens die ratio- 
nellste Therapie. 

Handelt es sich jedoch bei der Abwesenheit aller 
organischen Structurveränderungen des Uterus, weiterhin 
bei dem Fehlen aller entzündlichen Erscheinungen im 
Uterus und seinen Adnexa um Hyperästhesien von längerer 
Dauer oder um Entzündungsprocesse an irgend einem 
Theile des Auges mit dem Character der monatlichen 
Exacerbation, so kann die Anwendung des Elixir pro- 
prietatis Paracelsi nicht genug empfohlen werden, eine 
Composition, die sich aus Aloe, Myrrhe und Crocus zu- 
sammensetzt. Bei kräftigen oder bereits zur Entwicklung 
gelangten Personen können 2 mal täglich »/a Theelöffel 
voll Wochen hindurch gereicht werden, bei minder starken 
oder in der Entwickelung begriffenen Mädchen genügt es, 
3_4 Tage vor Eintritt der Menses die Dosis zu V* Thee- 
löffel oder selbst nur einige Tropfen zu geben. Hin- 
sichtlich des regulirenden Zweckes der Therapie möge 
auf den Fall mit monatlicher Exacerbation der Keratitis, 
pag. 4, verweisen werden, indem nicht die Störung 
der Menstruation als solche, sondern das luetische Grund- 
leiden die Ursache war, dass die Hornhautentzündung 
von den physiologischen Vorgängen der Menstruation be- 



Therapeutische Bemerkungen. 



97 



einflusst wurde. In zahlreichen Fällen von Keratitis 
profunda oder Episcleritis könnten ähnliche Einwirkungen 
beobachtet werden. Man wird den therapeutischen Effect 
des Elixir propr. Paracelsi um so richtiger finden, wenn 
„um eben nicht ausser Acht lassen will, dass Aloe eines 
der energischsten Mittel ist, um vom Lendencentrura des 
Uterus auf seine Bewegungsimpulse zu influencirem 
Aehnlich wirkt die Darreichung von Coloquinten und ganz 
besonders von Sabina. Gerade das Letztere ist seit ur- 
alten Zeiten ein beliebtes Volksmittel zur Erregung der 
Wehenthätigkeit und als Beförderungsmittel eines Abortus 
noch heute in Gebrauch. Alle diese Mittel leisten aus- 
gezeichnete Dienste bei jenen Congestiverscheinungen, 
die sich unter der Form der fliegenden Hitze bei Frauen 
kurz vor oder zu Beginn der klimacterischen Jahre ein- 
stellen und entweder Accommodationsstörungen oder 
Chorioidealerkrankungen einleiten. Zu wiederholten 
Malen habe ich Frauen gesehen, die durch einen längeren 
Aufenthalt in Indien einer ungewöhnlich frühzeitigen In- 
volution entgegengegangen waren und in dem Gebrauch 
des Elixir propr. Paracelsi ein ausgezeichnetes Mittel zur 
Bekämpfung ihrer Beschwerden gefunden hatten. Das 
Mittel würde aber gar keinen Nutzen haben und nur 
positiven Schaden anrichten, wenn es sich nicht um reine 
Involutionsprocesse, vielmehr um irgend eine Form von 
Metritis handelt. Unter solchen Umständen muss auch 
die Wirkung, welche der Genuss des Kaffees auf die 
Erregung des Gefässsystems hervorruft, genau festgestellt 
werden. In den niederen Volksklassen, die sich in der 
Kegel mit einem schwachen Aufguss begnügen, braucht 
dieser Einfluss kaum berücksichtigt zu werden, indessen 
in den höheren Gesellschaftskreisen ist unbedingt auf 
seinen Einfluss zu achten, da mit dem stärksten Gehalt 
dieses Genussmittels an Coffein eine Steigerung der 

Mooren, Gesichtsstöningen und Uterinloiden. Zweite Aufl. 7 



98 



Therapeutische Bemerkungen, 



vorhandenen eborioidealen EntzündungBprocesse mög- 
lich ist. 

Es möge zum Belege dieser Behauptung nur auf 
•die Köhrig'schcn Experimente hingewiesen werden, 
<lcnn es gelang diesem Beobachter, bei älteren Kaninchen, 
ohne dass dieselben trächtig gewesen wären, eine seil 
Langem in's Stocken gerathene peristalische Bewegung 
•des Uterus durch die Darreichung von Coffein wieder in 
Fluss zu bringen. 

Bei einem hypcrplastischen Uterus oder bei ge- 
schwellter, leicht blutender Vaginalportion übt die Appli- 
cation von Blutegeln und die Ausführung von Scari- 
heationen einen äusserst wohlthätigen Einrluss auf die 
'Chorioidealerkrankung aus und zwar desshalb, weil es 
•durch die K ö h r i g'schen Untersuchungen wahrscheinlich 
geworden, dass die Depletion die Uterusganglien zu einer 
peripherischen Begulirung der Circulation anregt und so 
indirect fördernd auf die Contractionsverhältnisse dieses 
Organs einwirkt. Ist eine Uterinstörung die Causa 
movens für ein Augenleiden, das eine Blutentziehung zu 
erfordern scheint, so ist der Effect desselben ein ungleich 
günstiger, wenn die Portio vaginalis, als wenn irgend 
■eine andere Applicationsstelle gewählt wird, eine Er- 
scheinung, von der ich mich mehrmals in der positivsten 
Form überzeugt habe. 

Bei all den Formen von uterinaler Hyperplasie, die 
sich durch Starrheit und Vergrösserung der Portio vagi- 
nalis auszeichnen, ist die von A. Martin auf der 
Casseler Naturforscher-Versammlung empfohlene Ampu- 
tatio colli uteri ein vorzügliches Mittel, von dem ich in 
der geschickten Hand seines Urhebers den glänzendsten 
Einnuss auf die Bückbildung des hyperplasirten Or- 
gancs sah. 



Therapeutische Bemerkungen. 



99 



Erst wenn in den Erkrankungen der Chorioidea 
und auch der Eetina das bedingende Uterinleiden nicht 
mehr die Eolle eines krankmachenden Einflusses ausübt, 
dann, aber auch nur dann erst darf an die Anwendung 
der Heurteloup'schen künstlichen Blutentziehungen ge- 
dacht werden. Ich kenne indessen nur eine Form von 
Gesichtsstörung, in der sie a priori ohne Nachtheil ange- 
wendet werden kann, das ist die Anaesthesia optica. 
Aber auch hier nur mit Yorsicht bei blutarmen, herunter- 
gekommenen Individuen. Der Erfolg ist oft nur ein 
scheinbarer, wenn nicht eine sorgsame Berücksichtigung 
des Allgemeinzustandes daneben hergeht. Alle Blut- 
entziehungen sind unbedingt zu verwerfen, so lange die 
Patientinen sich noch im Stadium der menstrualen Ent- 
wickelung befinden, gleichviel, ob es sich dabei um Glas- 
körpertrübungen oder um eine aus vasomotorischer Ge- 
fässaction resultirenden Netzhauthyperämie mit vielleicht 
gleichzeitiger Hämeralopie handelt. Auch da, wo die 
jugendlichen Individuen ziemlich kräftig erscheinen, lasse 
man sich nicht durch das günstige Aussehen bestimmen. 
Alle Blutentziehungen tragen nur dazu bei, den normalen 
physiologischen Entwickelungsgang der Dinge zu ver- 
zögern, wodurch es nur zu leicht möglich wird, dass 
die vielleicht rasch vorübergehende Störung den Character 
der Chronicität annimmt. Es ist eine Ausnahme, dass 
man unter solchen Umständen nicht mit Stahlpräparaten 
oder dem Genüsse von Eisenleberthran während des 
Winters nicht zum Ziele gelangt, während dort, wo eine 
gewisse Geneigtheit zu Kopfcongestionen besteht, leichte 
salinische Mittel nur ausnahmsweise nicht zum Ziele 
führen. Einen besonders günstigen Einfluss sah ich stets 
vom Salzschlirfer Bonifaciusbrunnen entweder allein in 
mässigen Quantitäten oder intercurrent mit monatlicher 
Darreichung von Elixir propr. Paracelsi. Unterstützt 



100 



Therapeutische Bemerkungen« 



wurde diese Medication von warmen Sitz- oder Fuss- 
bädern, letztere mit Zusatz von Aqua regia. 

Auch dort, wo der chorioideale Erkrankungsprocess 
zur Bildung von ein paar Synechien geführt hat, wäre 
die Ausführung einer Iridectomie durchaus nicht gerecht- 
fertigt. Selbstredend muss sie da unverzüglich ausge- 
führt werden, wo die Bildung der Synechien eine circuläre 
geworden ist. Eine Kegulirung der Menstrualfunctionen 
beseitigt oft mit einem einzigen Schlage oder doch in 
kurzer Zeit die Störungen des Gesichts. 

Nimmt dagegen in den klimacterischen Jahren die 
Härte des Bulbus einen irgendwie beunruhigenden 
Character an, so kann die frühzeitige Ausführung einer 
Sclerotomie nur dringend empfohlen werden. Bemerken 
will ich hier nur, dass ich bei dieser Methode niemals 
das Operationsverfahren adoptirt habe, das mit grossem 
Scharfsinn und nicht unerheblichen Schwierigkeiten der 
Technik von manchen Autoren empfohlen wurde. Nie- 
mals habe ich ein anderes Yerfahren ausgeführt, als 
dass ein paar Stunden vor der Operation 2—3 Tropfen 
einer Eserin- oder Physostigmin-Lösung instillirt wurde 
und dann das mit Hülfe eines Sperrelevateurs leicht zu- 
gänglich gemachte Auge in der Weise mit einem Lanzen- 
messer genau so am obern Cornealrande operirt wurde, 
als hätte die Ausführung einer Iridectomie stattfinden 
sollen. Niemals war dieses Yerfahren von einem Prolapsus 
iridis oder auch nur einer nennenswerthen Keaction ge- 
folgt ; einige Kaltwassercompressen, in den ersten Stunden 
aufgelegt, bildeten neben Verschluss des Auges die einzige 

Nachbehandlung. 

Bei den Gesichtsstörungen, welche aus Blutverlusten 
resultiren, kommt man, solange sie keine grossen Dimen- 
sionen angenommen haben, vielleicht mit der Verordnung 
von Convexgläsern und der Anwendung des Eserin, was 



Therapeutische Bemerkungen. 



101 



die locale Behandlung des Auges anbelangt, vollkommen 
aus. Sind die Blutverluste schon beträchtlicher, so 
kommen bereits Eisen, Ergotin, Dec. Katanhae etc. in 
Anwendung. Wird mit dieser Medication indessen nicht 
bald eine Ausgleichung der vorliegenden Störung seitens 
des Auges und des Uterinsystems erzielt, so wäre es 
thöricht, die Zeit mit Ungewissen Kurversuchen zu ver- 
lieren. Eine Untersuchung des Uterus ist eine unbe- 
dingte Notwendigkeit ; es kann sein, dass die Blutungen 
nur durch starke Capillarentwicklung in den granulären 
■Wucherungen an der Vaginalportion unterhalten wurden. 
Die locale Behandlung dieser Störung durch Scarificationen, 
Anwendung von 'Cauterisationen, Injectionen von Acet. 
pyrolignosum oder Dec. Quercus kann häutig einen ausser- 
ordentlich günstigen Wechsel der Scene hervorrufen. 
Unter anderen Umständen werden die Störungen durch 
die Anwesenheit von Endometritis haemorrhagica oder 
Polypenbildungen unterhalten. Eine möglichst rasche 
operative Behandlung dieser Wucherungsprocesse ist die 
einzig rationelle Kunsthülfe für das Allgemeinbefinden 
und den Zustand des Auges. 

Sind die Blutverluste excessiv, besonders dann, 
wenn sie in acuter Form auftreten, so manifestirt sich 
die Gresichtsstörung in der Regel durch seröse Netzhaut- 
transsudation und Neuro-Retinitis. Selbstredend soll die 
einzuschlagende Uterintherapie eine Sistirung der Blu- 
tungen erzielen. Die Störungen des Gesichts, die Ein- 
genommenheit des Kopfes und vielleicht auch die sich 
daran anreihenden Reizvorgänge an den Wurzeln des 
Vagus erfordern eine ganz andere Therapie. Diese be- 
steht neben der Anwendung solcher Mittel, welche ge- 
eignet sind, die Triebkraft des Herzens und damit den 
arteriellen Zufluss zum Kopfe zu steigern, in der mög- 
lichst baldigen Application lauwarmer Umschläge in's 



102 



Therapeutische Bemerkungen. 



Genick. Es ist unglaublich, wie gross der Zustand des 
Behagens ist, der sich augenblicklich nach dieser so ein- 
fachen Therapie für die Patientinen einstellt. Diese 
Therapie ist desshalb so vorzüglich, weil sie, wie keine 
andere, geeignet ist, ein rascheres Zuströmen des arteriellen 
Blutes zu ermöglichen, schon allein durch den Umstand, 
dass die stark entwickelten Venennetze in der Umgebung 
des verlängerten Marks eine raschere Weiterbeförderung 
der Transsudate anregen und so die Gefahr der Lymph- 
einwirkung auf ein relativ geringes Maass reduciren, ganz 
abgesehen von dem Zustande des subjectiven Behagens, 
der für die Patientinen danach eintritt. Handelt es sich 
jedoch um Störungen mit mehr chronischem Character, 
so können die Cataplasmen durch die Anwendung kalter, 
stark ausgerungener Aufschläge ersetzt werden. Sie 
werden am zweckmässigsten vor dem Zubettegehen 
applicirt, aber so, dass sie von einem doppelt gelegten 
Wollentuche vollständig bedeckt werden und so durch 
die consecutive Entwickelung der Wärme dem Kopfe den 
möglichst grössten Blutzufiuss gewähren. Sind unter dem 
Einflüsse dieser Medication die Transsudationserschei- 
nungen in ein rückgängiges Stadium getreten, so empfiehlt 
sich die subcutane Anwendung von Pilocarpin-Injectionen 
besonders dann, wenn Trübungen des Glaskörpers neben- 
her gehen. 

Ist dagegen die Neuro -Retinitis das Product einer 
acuten Entzündung in irgend einem Theil des Uterin- 
systems, so kann, abgesehen von der Therapie, die das 
Uterinleiden nach der Eigenthümlichkeit des Falles er- 
fordert, gegen das Kopfweh resp. die Störung des Ge- 
sichts das rationellste Verfahren nur die tägliche An- 
wendung des Eisbeutels sein. Die circulatorischen Stau- 
ungen in der Netzhaut werden am zweckmässigsten durch 



Therapeutische Bemerkungen. 



103 



die Application von ein paar Blutegeln an die Nasen- 
scheidewand oder hinter den Processus mastoideus be- 
kämpft, weil ihre depletirende Wirkung direct auf eine 
Entleerung des Sinus longitudinalis oder des Sinus trans- 
versi influencirt. Die Wirkung dieser Medication wird 
noch durch die Einreibung von Ol. Cro.tonis, Ungt. 
tartari stibiati in den Nacken und den inneren Gebrauch 
salinischer Mittel erhöht. 

Wenn in dieser Weise die Neuro-Retinitis rück- 
gcängig geworden ist, so fällt ihre Weiterbehandlung mit 
jener Therapie zusammen, die wir seit vollen 15 Jahren bei 
allen Gesichtsstörungen, die aus schleichenden Meningeal- 
Hyperämien des Kopfes oder Rückens resultiren, mit 
Erfolg in Anwendung gezogen haben. Sie ist ausser- 
ordentlich einfach und nur lästig durch die eiserne Con- 
sequenz, die ihre Ausführung erfordert. 

Die Anwendung des Eisbeutels wird fortgesetzt, 
nicht minder die Ableitung in den Nacken, aber so, 
dass in der überwiegend grossen Mehrzahl der Fälle ein 
Setaceum getragen wird, ein Ableitungsmittel, das, wie 
kein anderes, ausgleichend auf alle Sehstörungen wirkt, 
die durch die Vermittelung einer schleichenden cerebro- 
meningealen Hyperämie unterhalten werden. Seine Wirk- 
samkeit ist nicht weniger gross bei jenen Formen von 
Neuritis optica, die durch Lageanomalien des Uterus ein- 
geleitet sind und mit oder ohne gleichzeitige Betheiligung 
des Rückenmarks auftreten. Immer wurde in all' diesen 
schweren Erkrankungsformen die systematische Anwen- 
dung von Inunctionen aus Ungt. hydr. einer, durch- 
geführt. Die Einreibungen wurden, je nach der Indi- 
vidualität des Falles, in einer täglichen Dosis von 1, 2, 
2 1 /* Gramm, selten mehr gemacht, immer aber mit Inter- 
missionen von 4 zu 4 Tagen, um jede Salivation zu 



104 



Therapeutische Bemerkungen. 



vermeiden. Die Reinigung dos Mundes und Zahnfleisches 
fand 3 bis 4 mal täglich durch eine Lösung von Kali 
ehloric. statt. Neben dieser gewissermaassen rein äußer- 
lichen Medication wurde innerlich Eisen, Kai. jod.. ah 
und zu Mineralwässer oder Elixir propr. Paracelsi ge- 
reicht, je nach den Indicationen des Falles. In der 
Kegel wurden 50 Einreibungen gemacht, oft auch bis zu 
75 und höher gestiegen, wenn die Verhältnisse es nöthig 
machten. Es war dabei Grundsatz, immer eine sehr 
kräftige Nahrung, selbst ein Glas Bier oder Wein während 
des Essens zu erlauben. 

Wenn unter dem Einfluss dieser Medication der 
entzündliche Process an der Retina und am Opticus rück- 
gängig geworden und damit eine Steigerung der Seh- 
schärfe eingetreten war, dann konnten mit Erfolg die 
Heurteloup'schen künstlichen Blutentziehungen, aber 
immer nur in grossen Intervallen und selten mehr als 
3 Mal in Anwendung gebracht werden. Dieser Methode 
der Behandlung habe ich mich nun volle 15 Jahre immer 
mit demselben glücklichen Erfolge bedient, so dass ich 
keinen Augenblick daran denken werde, sie jemals 
wieder aufzugeben. Traf es sich, dass die Patientinen 
bei ihrer Allgemeinstörung immer an kalten Füssen litten, 
so wurde des Abends beim Zubettegehen Priessnitz'sche 
Einwickelung der Füsse bis über die Knöchel gemacht, 
ein Verfahren, das wegen der dadurch erzielten Ableitung 
vom Kopfe nicht genug empfohlen werden kann. 

Häufig waren bei den uns beschäftigenden Störungen 
die Rückenwirbel und ganz besonders der erste Brust- 
und die letzten Lendenwirbel auf Druck empfindlich. 
Hier erzielten kleine Vesicantien mit consecutiver An- 
wendung von Reizsalbe fast immer eine völlige Be- 
seitigung, selten eine blosse Verminderung der Be- 



Therapeutische Bemerkungen. 



105 



sohwerden. Wenn im Laufe der eingeschlagenen Be- 
handlung intercurrent aus irgend welcher Veranlassung 
Fluxionen zu den Centraltheilen stattfanden, so wurde 
die Application von Senfteigen in Anwendung gezogen, 
denn abgesehen von ihrer derivirenden Eigenschaft be- 
wirken sie nach den Untersuchungen Schüllers eine 
Verminderung der Blutfülle des Gehirns durch Verenge- 
rung der Piagefässe. Abreibungen der Haut mit Wasser, 
dessen reizende Einwirkung auf die Blutfülle der Haut 
durch Zusatz von Kochsalz erhöht wurde, kam nach 
Aussetzen des Inunctionsverfahrens immer in Anwendung; 
in vereinzelten Fällen, in denen absolut keine Beaction 
von Seiten der Haut zu ermöglichen war, wurde dieses 
Ziel durch Faradisirung ihrer Oberfläche erzielt. 

Hatte die eingeschlagene Medication eine Be- 
seitigung des Entzündungsprocesses in den verschiedenen 
mitwirkenden Factoren erzielt, dann kam mit Bücksicht 
auf etwa vorhandene atrophische Veränderungen in der 
Betina und am Sehnerven das Argent. nitric. in An- 
wendung und zwar in Pillenform, so dass 0,15 auf eine 
Pillenmasse von 30 Stück vertheilt wurde. Dieimal täg- 
lich wurde davon eine Pille gegeben und so Monate und 
Monate hindurch fort gebraucht. Es giebt kein zweites 
Mittel, das unter scheinbar so ungünstigen Verhältnissen 
eine derartig befriedigende Wirksamkeit entfaltet, wie 
eben das Argent. nitric. Schon früher habe ich mich 
darüber ausgesprochen und kann hier nur nochmals hervor- 
heben, dass das Mittel ohne alle Wirksamkeit bleibt, 
wenn der cerebrale Beizzustand nicht erloschen ist. 
Strychnin in Form von subcutanen Injectionen ist eben- 
falls ein empfehlenwerthes Mittel, wenngleich nicht so 
ausgezeichnet als Argent. nitr. Es hat aber den Vor- 
theil, dass es neben seiner stimulirenden Einwirkung auf 



106 



Therapeutische Bemerkungen. 



die Energie des Sehnerven, durch seinen Einfluss auf da» 
motorische Centrum des Uterus ganz besonders geeignet 
ist, auf die Rückbildung uterinaler Hyperplasien zu in- 
fluenciren. Ergotin, dem eine ähnliche Eigenschaft inne 
wohnt, darf nur mit grosser Vorsicht gebraucht werden, 
da es verengernd auf die Piagefässe einwirkt und so 
indirect die Weiterentwicklung atrophischer Processe am 
Sehnerven begünstigen könnte.